Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180142
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Der Künstler. 
IIand hat nachbilden können, der kann natürlicher Weise kein Abbild 
liefern. Bei einem Vorbilde kann nun durch unzählige Male wieder- 
holtes Ilinblickcn und Plinprätgen schliesslich wohl auch der stumpfe, 
Nachbildcr dahin gelangen, den (legenstand zu erfassen und wieder- 
zugeben. Wenn ihm aber das Vorbild weggenommen wird, so ist klar, 
dass er alsdann anfällig sein wird, ein (leutliches Bild zu gewinnen. 
Er hat nur eine undeutliche Vorstellung, die ihn jeden Augenblick im 
Stich lässt, wenn er sie wiedergeben und anschaulich machen soll. 
Ilandelte es sich vorher um ein einfaches Einbilden des Gegebenen, so 
jetzt- um ein besonderes Vorstellen und Einbilden, um eine ausserordent- 
liche Steigerung, die wir mehr als jenes Illinbildungskraft zu nennen 
pflegen. Es kann Jemand das erste Vermögen in hohem Grade haben, 
also z. B. ein ausgezeichneter Naehbildner sein, die Vorstellungskraft 
aber, ein nicht sinnlich Wahrnehmbares sich vor den Geist zu rufen. 
kann ihm ganz fehlen. Er ist dann natürlich ein in llinsicht auf 
Schaffen sehr enggebundener Mensch, der durchaus von den Vorbil- 
dern, welcher Art sie nun auch sein mögen, abhängt. Innerhalb seiner 
(lränzen kann er freilich sehr Bedeutendes leisten. V ermag der Mensch 
sinnliche Eindrücke mit solcher Kraft in sich hineinzubilden, dass er 
diese Abbilder wieder beliebig vor den geistigen Blick ziehen kann, um 
sie so lebendig' anzuschauen oder zu überhören, so ist er natürlich 
weniger an den Augenblick gefesselt und an dessen Leben gebunden. 
Kann er sie daraus ablösen und sie gegenständlich machen, so ist er 
frei gegenüber jenem erst erwähnten Gebundener]. Es braucht kaum 
bemerkt zu werden, dass diese Einbilrlungskraft, ganz allgemein gefasst 
und ohne Rücksicht auf die Fähigkeit, sie auszudrücken, ein Haupt- 
vermögeu des Menschen ist, das ihn zu dem macht, was er ist. Ohne 
jede Einbildungskraft ist er ein dumpfes, stumpfes Geschöpf des Augen- 
blicks, ein Thier und zwar ein niederes Thier. Durch sie erst kennt 
er eine Vergangenheit und denkt er eine Zukunft; durch sie allein kann 
er die Ursache und Wirkung; verbinden, indem er das Vorhergehende 
festzuhalten vermag. Wo sie stumpf ist, fehlt das Material für das 
Denken; wo sie fehlt, ist Nacht, und nur der thicrische 'l'rieb setzt 
noch den Körper in Bewegung. Auf die verschiedenen Arten der Ein- 
bildungskraft einzugehen, ist hier natürlich ilieht der Ort. Sie kann 
schwach, stark, dauernd, vergänglich u. s. w. sein; nur auf die wichtige 
Art als Gedächtniss ist hier aufmerksam zu machen, wo der Gegen- 
stand möglichst genau eingeprägt wird, um ihn beliebig wieder hervor- 
zusuchen und zu gebrauchen. 
 Wir haben bisher von dem Aufnehmen sinnlich wahrgenommener 
Dinge in die Einbildungskraft gesprochen. Wir müssen jetzt einer be- 
sonderen Kraft derselben gedenken. Es vermag dieselbe nämlich nicht 
selten mit den in die Seele gedrückten Abbildern das seltsamste Spiel 
Zll treiben. Sie kann dieselben zerlegen und in beliebigster Ordnung
        

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