Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180082
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Der 
Trieb. 
schöpferische 
Die 
Kunst. 
Die 
Künste. 
durch wohlgeleitete Zucht die Bildungen verschönend. So pttegt er die 
lebendige Pflanze und erfreut sich ihrer in Anplianzungen, die er, noch 
umgeben von übermäehtiger Vtiillküi- der Natur, gerne durch mathe- 
matische Ordnung hervor-hebt. Er baut sich den Garten, nicht blOSs 
zum Nutzen, sondern auch zum Schmucke; dann aber wählt er und 
bildet auch das 'l'hier aus, das er sich zum Genossen und Diener ge- 
macht hat. Und nicht vergisst er sich selbst. Nicht zum Kampfe allein, 
auch der Schönheit, des edlen Anstandes wegen, lernt er seinen Körper 
pflegen und üben und durch das richtige Maass von Arbeit und Ruhe, 
von beschwerlicher Kraftanstrengung und leichtem Spiel die Formen 
gewinnen, die ihm schön dünkeu. Nur durch Weisheit und sittliche 
Kraft und 'l'ugend kann das Menschengeschlecht eine solche Stufe der 
Schönheit gewinnen. Sie wird weder von der Thorheit gefunden, noch 
durch lilüssigkeit errungen. Volle Schönheit verkündet Ilarmonie der 
menschlichen Kräfte. 
Den Inbegriff aller höheren lilrläenntniss und seiner Vermuthungen, 
die höchste Einheit, die er im Wirken der Kräfte zu gewahren ver- 
mag, fasst der Mensch in den Begriff der Gottheit. Die Erkcnntniss 
des Schönen, wie des Wahren und des Guten vereinigt sich ihm als 
etwas Göttliches. Will er dieses verehren, so giebt es für ihn im Gebiet 
der sinnlichen Welt nichts Ilöhcres, als die gefundene Ordnung des 
Schönen. S0 gehen ihm Kunst und Religion in einander über, wie ihm 
auf diesen Stufen auch die Wahrheit nichts Anderes ist, als Religion, 
die er durch Phantasie zurundet und harmonisch zu machen sucht. 
Späteren Zeiten zerreisst freilich diese harmonische Verknüpfung 
des Schönen, Guten und Wahren, und weit laufen wohl die Wege aus- 
einander, ehe sie sich einander wieder nähern. 
Die echte Kunst sucht darum in dem Reich der Erscheinungen 
dasselbe, wonach die Philosophie und die Ethik auf ihren Gebieten 
trachten. 
Ganz einfach und im trockenen Umriss nach der Siuncnthätigkeit 
urtheilend können wir sagen: der Mensch übt die Kunst, sie auf das 
Auge berechnend. Das von ihm für dieses Geschaffene giebt ein Bild; 
es ist die sogenannte bildende Kunst. Dann für den Sinn des Gehörs 
übt er die Musik. Das Reich der Erscheinungen, wie sie im Geiste. 
gedankenhaft aus "Erinnerung und als Ausdruck der Gefühle sich ge- 
stalten, ausgedrückt und verkündigt durch die Sprache, giebt die 
Poesie.  
Da nun aber Viclc das Eintheilungspriucip mit einer gewissen 
Leidenschaftlichkeit üben, hier aber kein Raum ist, um jenes Hervor- 
strömen der Künste aus dem allgemeinen Sehönheitstriebe ausführlicher 
zu erklären, als durch den Iliinreis auf das im allgemeinen Thcil Ge- 
sagte und auf die spätere Behandlung der einzelnen Künste, sowie auf 
die gleich folgende Betrachtung des künstlerischen Geistes, so will ich
        

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