Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180070
Der 
Trieb. 
schöpfexische 
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bare Vereinigung; der Mensch konnte nicht genug lauschen. Da suchte 
er sie wieder; da horchte er, da klang die Saite fein, wenn sie kurz 
und dünn war, dumpf und tief, wenn lang und stark. Da griff er sie, 
wie er die 'I'öne hcrvorlockeu wollte und er stimmte das Instrument 
nach dem Verlangen seines Ohres. Melodie und Harmonie fand er  
Melodie und Harmonie, die wunderbaren Klänge, die selbst dem Hades 
den Schatten zurückzufordcrn stark genug geglaubt wurden, mit denen 
Orpheus die wilden Thiere zahmte und die Felsen bewegte, dass sie 
sich aufschichteten nach seinem Willen. 
Aber rastlos drang der Mensch tiefer. Als der Bau des Unorga- 
nischen ihm leicht geworden, da begann er, immer noch im festen An- 
schluss an das greifbare Material, das Organische zu betrachten. Er 
staunte nicht mehr über den Schmuck, den er sich geschaffen und mit 
dem er sich und seine Wohnung schmückte, über die graden Blöcke, 
die er zugeha-uen, über die Massen, die er auf einander gethürmt, son- 
dern die eigene Gestalt und das Thier, was er bis dahin nur benutzt, 
sah er mit Erstaunen. Sich selbst zumeist. Dort war der Baumstamm, 
lag der Thon, lag der Stein, den er schon zu bearbeiten gelernt. Bald 
waren ihm die groben Formen des Leibes geläufig nachzubilden. Aber 
auch das feine Spiel der Linien entging ihm dann nicht mehr. Nun 
bildete er Thiere und Menschen, das Einzclwesen erfassend und nach- 
schaifend, so dass es verkörpert vor ihm stand. Die Freiheit der Form 
war gewonnen. Aber noch fehlte ihm die reiche Mannigfaltigkeit der 
lürscheinungen, wie sie seinen Blicken sich farbig und im bunten Neben- 
einander zeigen. Wohl hatte er schon versucht, auch sie zu fassen; 
aber der Stoff, den er noch nicht gewagt hatte zu verlassen, hatte ihn 
gebunden. Jetzt that er auch diesen Schritt. Malend bezwang er auch 
den Schein, die ganze Schöpfung so für die Kunst ergreifend, bis er 
Wald und Feld, Gebirge und Meere zu bannen wusste. Diese Stufe 
der Kunst ward erst vor Kurzem, vor wenigen Jahrhunderten von der 
Menschheit erklommen. 
Der Künstlertrieb hatte indess nicht gefeiert, der die Dichtung 
noch unter den Zelten, in Höhlen und Hütten gelehrt. Je weiter dem 
Menschen die Welt sich aufthat, desto feuriger strömten die Worte des 
Dichters; Erscheinungen besingenrl und tiefen Gefühlen der bewegten 
Seele Ausdruck verlcihend. Die Lyrik, das Epos entzückten; das 
Drama ward geschaffen. Ueber die hlrschcinungsfrcude hinaus hat sich 
bald der Geist forschend den tiefer liegenden Gesetzen zugewandt, die 
er nuiwmit dem Verstande erfassen konnte. 
Aber nicht blos als todten Stoff hat der Mensch die Natur cr- 
griffen, um daraus das Schöne erstehen zu' lassen; die lebendige hat er_ 
erfasst; eindringend in ihre Ordnung wehrt er dem Zufall und feind- 
lichen Gewalten, ihren Gestaltungen Schaden zuzufügen; das zu Dürf- 
tige nährt er, dem zu Ilcplvigcn wehrt er; dann auch in stäter Bildung 
O
        

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