Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180043
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1) er 
Trieb. 
schöpferische 
Die 
Die 
Künqts 
hohen Standpunkt zu verdienen und zu erkämpfen. So erhaben über 
andere Geschöpfe er dasteht, so schwierig auch, mit diesen verglichen, 
seine Stellung.  
Sucht der Menschengeist im Erkennen nach dem Ruhepunkte, nach 
dem die Mannigfaltigkeit entwirrendcn einheitlichen Gesetze, sucht er 
bei seinem Handeln nach dem Guten, um sein geistiges Wesen beruhigt 
zu wissen, so sucht er in der Welt der Erscheinungen nach der Form, 
welche die wahre, ihn harmonisch befriedigende Ordnung und Gesetz- 
mässigkeit zeigt. In ihr findet er ästhetisch den Ruhepunkt in der 
durclieinanderwogenden, überwältigenden Mannigfaltigkeit. Diese Form 
ist die Schönheit. 
Die Darstellung des Schönen in freiem Sehalfen erstrebt die Kunst. 
 Ihr Ziel ist Ilarmonic. Ihr Weg dahin ist Suchen, Mühen, ein Weg, 
wie der nach dem Wahren und Guten, schwierig, einem ewig höher 
erscheinenden Ziele entgegen führend, aber bei allem Ringen be- 
glückend, ja nothwcndig, um der vollen Würde der Menschheit sich 
zu erfreuen. 
Aber das Ergreifen der schönen Erscheinung und sein Gestalten- 
trieb ist nichts bloss Aeusserliches, nur auf der Oberfläche der Dinge 
sich Bewegendes. Wer nach der Schönheit strebt, muss, wenn sie ihm 
nicht der Zufall entgegentragen sollte wie dem Unweisen eine Wahrheit, 
in das Wesen des Gegenstandes sich versenken. Der Geist ist der 
Schaffer. Er versetzt sich in das Object. Er durchdringt es bis zum 
innersten Kerne, aus diesem heraus sich wieder durch alte Formen er- 
giessend und sie erfüllend. Dies Object kann ein einzelnes sein, aber 
auch hier schon muss er aus der Vielheit der Gattung das Allen Ge- 
meinsame heraussuchen und ausscheiden, um die Norm für das Einzelne 
zu gewinnen, und muss das Ganze wie das Einzelne erkennen. Nicht 
die Maske, nicht die Sehaale der Erscheinungen ist es, die zu erfassen 
sein Ziel bildet, sondern das ewig quellende Leben, wie es in den Er- 
scheinungen begränzt ist und gegenständlich, wahrnehmbar wird. Aber 
er kann auch eine Summe von Erscheinungen, einen Weltabschnitt so 
gut wie das einzelne Objeet ergreifen und schöpferisch nachbilden, die 
Räthsel entschleiernd, die für den gewöhnlichen Blick darin walten, den 
Zufall lösend, die Harmonie zeigend, die allein die zagende Seele zu 
befriedigen vermag. 
Freilich der Weg ist lang, den die Menschheit zurückzulegen hat, 
ehe ein Shakespeare auf den Gipfel kommt, von dessen Höhe er einen 
solchen Blick gewinnt. Wir sind Geschöpfe der zeitlichen Entwicke- 
lung; erst viele Mensohengeschlechter geben Stufen, auf welchen andere 
'sich höher erheben. Jahrtausende sind vergangen, ehe der Mensch 
Ideale erschaifen, darin er mit seligem, reinem Entzücken die Schön- 
heit verkörpert sah und ehe er die Welt der Erscheinungen bewältigte, 
wie ein Homer, Aeschylus, Sophokles, Shakespeare.
        

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