Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179975
Der 
Deutsche. 
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Volk in die Trinkstnben. Trinken, Kaunegiessern und die zerbrech- 
liche Tabakspfeife wurden nun allein die Erholung. (Die Tlabakspfeife 
von Thon und Porcellan kann allein schon den, der sie viel benutzt. 
unbeholfen und steif in den Bewegungen machen. Die lauge Thon- 
pfeife, die früher gebräuchlich war, ist ohne Pedanterie gar nicht 
denkbar; Holland und Niederdeutschland kann dafür angeführt werden. 
Die (ligarre, die jetzt die Pfeife verdrängt, macht durch die Leichtig- 
keit und Sorglosigkeit, mit der man sie handhabt, eine bedeutende 
Acnderung im ansseren Wesen.) Reden hörte der Deutsche in diesen 
Zeiten nur noch auf der Kanzel; auch sein eigenes engeres gesellschaft- 
liches Leben war ihm abhanden gekommen und damit die Bedeutung 
des Wortes erstickt. Die Zünfte waren verkommen; was half darin 
die Rede, seitdem das Reseript von Oben und der Polizeibefehl Alles 
bestimmte. 
Aus dieser Verschlammung des Lebens rissen den Deutschen die 
Bewegungen der Sturm- und Drangperiode, dann die Napoleonischen 
Kriege. Deren Stürme durchtobteu Deutschland. Alle die morschen 
Schranken, die das Stagniren begünstigten, fielen tibereinander. Eine 
trostlose Zeit riss den Bürger von seiner Bierbanlz und aus seinen 
Philistergesehichten, aus der schafmüthigen Geduld, womit er Alles 
über sich ergehen liess. Geld und Gut ging dahin; der Rest der Ehre 
ward mit Füssen getreten    Nun ging eine Wandlung vor sich. Das 
Seufzen und Aechzen ward zum Knirschen; die schwere Faust ballte 
sich im Grimm, das Auge funkelte endlich einmal wieder vor Zorn  
da brachen die Freiheitskriege los. Nun Ward der Mann wieder Mann; 
er schlug auf den Feind, der ihn mit Füsscn trat  ein so einfaches 
Mittel für einen Starken, sich einen nicht Stärkeren oder gar Schwache- 
ren vom Leibe zu halten, dass es lächerlich erscheint, wenn man es 
auiführt.  
Seit der Zeit, wo das Volk sich erhob und Wehr und Watifen er- 
griif, datirt ein [lmschwung im Leben des Deutschen", auch in seinem 
ausserlichen. Das durch Gutsmuths angeregte 'l'urnen kam unter Jahn 
zur Geltung. Die Einrichtung der Landwehr machte den Mann wieder 
ivaffenkundig. Seit der allgemeinen Wehrpflicht in Preussen ist der Sol- 
dat nicht mehr Kriegsknecht, was er früher war. Das hat auch auf andere 
Gebiete zurückgcwirkt und den Deutschen überall wieder freudiger auf 
den ihm angeborenen kriegerischen Sinn zurückgeführt. Soviel man 
gehofft, ward freilich in den Freiheitskriegen für das Volksleben nicht 
erreicht. Deutschland hatte sich nicht allein freigemacht und fühlte 
darum den Druck seiner Helfer, die seine Grösse mit so scheelen Augen 
betrachten, wie sie seine in der Hand des Siegers gesammelte Kraft 
demselben nicht hatten überlassen können.  -  
. Das Volk hatte demnach sich selbst weiter emporzubringen. Und 
es hat dies stetig getlian, wie viele Rückläufe auch dabei vorgekommen 
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