Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179953
Der 
D eutsche. 
2.25 
so günstigen Lage der Schwache und Zerrissenheit zu erhalten; das 
Volk eine philisterhafte, durch grübelnde, unverständliche Philosophie 
und einige unruhige, tmpractische Doetrinäre hie und da in Bewegung 
gesetzte blasse, Musik liebend, rauchend, Biertrinkend, unpraetisch, 
ohne politische Einsicht und Absicht, sehwerfällig denkend und noch 
sehwerfälliger beim Handeln  das war das Bild, welches sich die 
fremden Nationen von den Deutschen im Allgemeinen machten! Und 
unsere Halbbruder, die Scandinaven und Engländer gingen wohl in der 
(lehassigkeit ihres Urtheils voran; Niemand war mehr beeifert, die 
Scala der deutschen Fehler höhnend herzusagen und auszuschreien. 
Blut und Eisen, um einen beliebten Ausdruck zu gebrauchen  haben 
seit der Besitznalnne Schleswig-Holsteins einige Aenderung der An- 
sichten bewirkt. Es ist den anderen Völkeren doch klar geworden, 
dass in den Deutschen noch etwas mehr steckt. Der so traurige und 
wieder so glorreiche Krieg von 1866 zeigte das Schauspiel, dass vor 
dem rein-deutschen Element Preussens jenes Heer Oesterreichs, welches 
mit Ostentation das slavo-ungarische Element vertreten sollte, im ersten 
Anlauf zu Boden geworfen wurde, während das österreichische Heer der 
deutschen Führtuig die Italiener schlägt und sein deutscher Flotten- 
führer siegend die feindliche Uebermacht in ihren Hafen zurüekvvirft. 
Aus dem Hauptfehler der Deutschen, Zersplitterung, Vereinzelung sind 
die Ineisten anderen hervorgegangen; Einheit ist vor der Hand seine 
Ilauptaufgabe. Sie verlangt Unterordnung, eine Tugend, die dem 
Deutschen nie besonders eigen gewesen ist auf politischem Gebiete und 
gelernt werden muss. Durch die staatliche Zersplitterung ist uns das 
früher kräftige Selbstbewusstsein als Volk abhanden gekommen; in der 
Beschränktheit der Zustande seit dem ßßjahrigen Kriege ging der freie, 
weitere Blick und der Sinn für die Selbsthülfe verloren; auch das rege 
Freiheitsgetiihl musste zum Partieularismus, zum krahwinkligen Schlag- 
baumstolz verknöchern. Rüstiger, freierer Sinn, nicht im Reden, 
sondern im Handeln zu bewähren, und Unterordnung unter das All- 
gemeine, die Freiheit in der Ordnung, welche auch für das schöne 
Staatsleben, wie für die Kunst gilt f das ist es, wonach die Deutschen 
besonders zu streben haben. Dass Coneentratioil uns schaden werde 
ist 'l'horheit zu loefürchten. Der deutsche, wie der germanische Stamm 
überhaupt, hat so viel Eigenleben und Sondertrieb, dass es ihm immer 
gut ist, Fühlung mit dem ceutralisirenden Princip zu behalten, wie 
anderer Seits dem Franzosen mehr Decentralisation nützen würde. Eine 
energische Hand fasse Deutschland zusammen, gebe ihm einen Mittel- 
punkt, gebe ihm ein Ziel und damit Freudigkeit und Selbstgefühl zurück 
und man wird Wunder sehen. Hat man sie doch gesehen, wenn ein 
solcher Mann auch nur für Theile Deutschlands sich fand  ein grosser 
Ohurfürst, Friedrich der Zweite, jetzt unter Wilhelm I. von Preussen 
ein Bismarck. Lächerlich ist das Gerede unserer freundlichen Nach- 
Lemcke, Aesthctik. 2. Aufl. 15
        

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