Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179862
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Die 
Völker 
ler Neuzeit. 
Eine Sehaar wohlberittener Reiter  nicht auf den für das Nieder- 
rennen bestimmten Schandmähren der spanischen Arena  neckt den 
Stier. Das wüthend gemachte Geschöpf verfolgt einen Reiter und nun 
gilt es für die Andern das hinterherstürmende Thier beim Schwanze zu 
packen und es seitswarts reissend wieder von dem Verfolgten abzu? 
lenken. Schliesslich fängt der Lasso den Erbosten wieder ein und er 
mag sich über seinen Zorn und seine Plage allmälig beruhigen. Dabei 
reiten keine Söldlinge von Fach, sondern die rüstige Reiterjilgend ist 
der Spieler, der „Mitgespielte" aber ist keiner grösseren Unbill ausge- 
setzt, als eben bei jedem anstrengenden Wettkampf der Fall zu sein 
pflegt. Volksbelustigung ist in Spanien ferner der Tanz, der noch echt, 
in der Bewegung des ganzen Leibes sich erhalten hat. 
Eine männliche Tugend hat den Spanier auch in den schlimmsten 
Zeiten noch nicht verlassen  der Muth. 
Was dieser zu bedeuten hat, zeigte sich bis in die neueste Zeit 
schlagend an dem Italiener, dem dies Eine, damit aber auch fast Alles 
fehlte. Ueber seine Begabung für alle Formen der Kunst braucht man 
kein Wort zu verlieren. Der alte classisehe Geist wirkt noch immer in 
ihm und lasst ihn in allen Dingen einer Formvollendung zustreben. Er 
ist darin antik, dass er in der Schönheit der Form sein Genüge findet 
und ein Vorwiegen des geistigen Elements durchaus nicht erstrebt. 
Der Italiener ist wohlgebildet, häufig schön. In Allem, was er 
thut, hat er einen gewissen Stil, der weniger gemessen als der des 
Spaniers, weniger leicht als der des Franzosen, Festigkeit und Leich- 
tigkeit verbindet und nur durch die Leidenschaft outrirt und cari- 
kirt wird. 
Bewunderungswürdig ist, wie der Druck der letzten Jahrhunderte 
doch nicht tiefere Spuren in seinem geistigen und körperlichen Wesen 
hinterlassen hat, und er trotz schlechter Regierung und Priesterdrucl: 
so viel Schönheit und so viele Talente zeigt. Aber es ist nicht zu ver- 
gessen, dass das Mittelalter ihn durch die Kämpfe eines Particularismus, 
der ein ganz anderer war als die Fehden unseres Raubritterthums, bis 
in's '16. Jahrhundert hinein gebildet hat, dass politische und geistige 
Erhebung, wie wir sie in Venedig, in den lombardischen Städten, 
Genua, Florenz, Pisa, und in Folge der immensen Kämpfe des Papst- 
thums auf kirchlichem Gebiete in Rom sehen, Jahrhunderte hindurch 
wirkt; nicht zu vergessen, dass der Abglanz antiker Herrschaft durch 
das Papstthum, antiker Kunst durch die alten Denkmäler und die eignen 
grossen Meister niemals erloschen ist, dass der Italiener stets den Stolz 
fühlte, das erste Kunstvolk zu sein, dem Volk sich also das Gefühl des 
Nationalstolzes erhalten hat trotz aller sonstigen Schmach. Seit diesem 
Jahrhundert war dafür gesorgt, es aus der Nichtigkeit, in die es trotz 
alledem zu verfallen drohte, aufzurütteln. Interessant wird es sein, 
das Erwachen der Volkskraft in dem kriegerischen Muth zu verfolgen,
        

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