Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179854
M056. 
bald grösseren ftnltlang linden als die Rennen, aus denen der echte 
Franzose sich bisher wenig macht, da er nur für den Pomp einer künst- 
lichen Sehulreiterei und dann für schwere Zugpferde, deren Bewegungen 
und Formen in die Ailgen springen, Sinn gezeigt hat. (Die Gladiateur- 
Begeisterung für die Reimen wird schwerlich nachhaltig sein.) Mag man 
nun auch namentlich wegen der leidigen Stiergefechte das "Oireenses" 
zu der Gloirc vermuthcn, die dem mässigen Franzosen noch über „Pancm" 
geht, so muss man doch das Bestreben des bedeutenden Mannes auf 
dem französischen 'l'l1rou schätzen, der sich nie damit begnügt, eine 
Einsicht gewonnen zu haben, sondern nach derselben auch handelt. 
Gewiss ist es ein Uebel, dass der französische Städter nur an Theater, 
Billard, den Freuden des Cabaret und eines leichtfertigen Geschlechts- 
lebens Geschmack findet, und dass sehr zu wünschen wäre, andere Ver- 
gnügungen daneben einzuführen. Louis Napoleon hat dies erkannt und 
legt Hand ans Werk, ruhig aber unausgesetzt, für den Norden vom 
Norden, für den Süden vom Süden borgend. Viel Erfolg ist leider von 
diesen Bemühungen nicht zu erwarten, selbst wenn man die Stier- 
getechte entsprechend ändern wollte. Doch genug hieven. Nur noch 
die eine Bemerkung, dass auch Schützenfeste den Franzosen durch die 
hlonotonie des Ladens, Zielens und des Sehusses, ohne dass ein beson- 
derer Erfolg der Kugel zu scheu ist, wenig zusagen. Es sind das Feste 
für kühlere Naturen. 
Die zähe spanische Nation hat sich in den letzten Jahrzehnten 
wieder mehr aufgerafft aus der beispiellosen Erniedrigung und Ver- 
dampfung, in die sie durch übermassiges Glück, schlechte politische 
Wirthsehaft und tluchwürdige geistige Despotie gefallen war  eine 
lürniedrigung, die'freilich nur möglich geworden (im-eh den dummen 
Hoehmuth, in den das an Stolz beinahe ltrankcnde Volk sich wegen 
seiner Erfolge hineingearbeitet hatte. Der Spanier ist stolz, leiden- 
schaftlich, pathetisch  ein Oholeriker. (Die Bewohner der verschie- 
denen Provinzen der iberischen Halbinsel sind übrigens wieder in ihren 
Charaeterzügen bedeutend verschieden.) Realismus und I-Iyperidealität 
begegnen sich bei ihm in allen Dingen der Kunst wie des Glaubens und 
Lebens. Von Gestalt ist er mittelgross, sehnig gebaut. Er gilt für den 
trefflichsten Fussgänger und für ein Muster in der Mässigkeit. Er hat. 
viel Freude am Singen und Erzählen, während dem Franzosen eigentlich 
nur das Raisonnement zusagt, das er auch in die Poesie deswegen hin- 
überträgt. Das Volkslebeil hat unter dem Druck der bigotten Pfatfen- 
wirthschaft gelitten. Nur das grausame Stiergefeeht hat sich als ein 
besonderes Volksfest erhalten. Der Tod des Stieres ist das Ende; 
damit fällt schon der Character des Spiels fort und bleibt nur Brutalität 
übrig. Das freigewordene spanische America hat darin dem Mutter- 
lande eine Lehre gegeben, die allerdings zurückgewiesen ist. Dort hat 
man nämlich das Stiergefecht in ein wirkliches Stierspiel verwandelt.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.