Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179836
Der 
Franzose. 
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Stärke des Gefühls hohles Pathos. Es giebt unter den vielen, ausge- 
zeichneten Franzosen Wenige, die nicht übertrieben haben, das Volk 
aber im Durchschnitt ist in seinem ästhetischen Eifer nie zufrieden, bis 
es sich in die Carikatur geschraubt hat, immer im besten Glauben, nach 
dem Schönsten und Vortreflichsteii zu streben. Schliesslieh sieht es 
dann seine eigene Verkehrtheit ein und  lacht über sich selbst, be- 
ginnt aber, vielleicht mit dem Gegensatz, dasselbe Spiel. Keine Nation 
kann etwas Besseres thun, als der französischen auf halbem Wege zu 
folgen, dann aber dieselbe ziehen zu lassen. 
Der Franzose ist geistig ein Spiel von Gegensätzen; so ist er phan- 
tastisch und doch wieder kalt berechnend, Tollkopf und Philister, will- 
kürlich und dem ärgsten Zwang sich tmterwerfend, jetzt von hoher, im 
nächsten Augenblick von niedriger Gesinnung, heute ein Held, mit der 
Neigung zum Don Quiehote, morgen ein Livree-Diener  kurz immer 
über das Maass hinausschiessend. 
Ausser in den Künsten, in denen allen er sich auszeichnet, aber 
durchschnittlich nicht eher ruht, als bis er den echten Stil, auf dessen 
Spur er stets ist, zur Manier gemacht hat und somit blendend auf die 
Massen wirken kann, zeigt der Franzose seine ästhetische Bedeutung 
besonders in der Beherrschung der Mode, die so recht das Feld seiner 
Unbeständigkeit und seiner Sucht nach dem Extrem ist. Wohin haben 
unsere Nachbarn uns nicht an diesem Gängelband der Mode geschleppt! 
Und seit Jahrhunderten geschleppt! Von dem Stahlrock und der Schnür- 
brust zum griechischen Hemdklcide, vom kurzgeschorenen Kopf zur 
Alongenperrücke, vom Tricot zur Pluderhose, vom Schwalbensehwanz 
zum Sackroek, kurz es giebt nichts Uebertriebenes, was sie äfiisch 
nicht schon mit den noch grösseren Affen ihrer Nachahmer in's Werk 
gesetzt hätten, von allen sonstigen geistigen und politischen Moden 
ganz zu geschweigen. 
Der Franzose ist, was seine Gestalt betrifft, von Mittelgrösse, gut 
gewachsen, dabei zum Schlanken, Zierlichen neigend. Schwarz oder 
braun von Haar und Augenfarbe, verkündet er in jeder Bewegung sein 
sanguinisehes Temperament. Er ist gewandt, geschmeidig, elegant; 
von der Carikirthcit dieser Eigenschaften bedroht, sucht er sich durch 
strenge Form zu schützen, die dann aber leicht in steifen Zwang aus- 
sehlägt. Der Schein gilt ihm viel, was ästhetisch sehr bedeutsam ist; 
leider gilt er ihm häufig zu viel, nämlich Alles. Mit hohler Form ohne 
Wesen kann er sich lange Zeit sehr glücklich fühlen. Von dem Cha- 
racter eines solchen Sanguinikers lässt sich eigentlich nichts Bestimmtes 
sagen. Alle Tugenden, bis auf die Beständigkeit, und kein Laster giebt 
es, was er nicht gezeigt hätte. Kein tollkühnerer Mensch z. B. kann 
gefunden werden, Keiner, der so harmlos und seherzend wie ein Kind 
blind in die Gefahr und den Tod rennt nnd mit einem Bonmot sich so. 
leicht über das schlimmste Missgeschick hinweg setzt, und doch giebt
        

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