Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179787
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Staaten. 
Völker. 
Das 
Alterthum. 
Speerwurf und Schwertfechten. Das war ihm genug. Denn die eigent- 
liche Praxis gab ihm erst der Krieg. Ich sehe hierbei ganz davon ab, 
dass die Ackerbau treibenden Latiner und Samniten, die Bewohner 
Italiens überhaupt, eine ganz andere Stellung zu den Körperübungen 
einnehmen, als die mehr Handel treibenden städtischen Hellenen. Der 
schwer arbeitende Latiner bedurfte leichter, gewandt machender Uebun- 
gen. Der viel redende, aber wenig arbeitende, über Sclaven verfügende 
Grieche hatte das Bedürfniss grösserer Anstrengungen in seinen Spielen. 
Die musischen Künste wurden bei den Römern vernachlässigt, bis das 
griechische Beispiel auch hier einwirkte. Auch die wichtige politische 
Ausbildung war eine andere als bei den Hellenen. Auch hier der Unter- 
schied zwischen Nützlichkeit und Kunst. Wohl lernte der Römer sich 
auf dem Marktplatze benehmen und sprechen, aber die Redekunst blieb 
ihm bis in die griechisch-römische Zeit fremd. Schön zu sprechen galt 
ihm für höchst unwichtig, wenn er nur treffend sprach. 
So war der Hellene darauf angelegt, Alles in eine Harmonie zu 
bringen. Zu dieser Harmonie bedurfte er der Beschränkung. Er kry- 
stallisirte gleichsam sich, seine Gesellschaft, seinen Staat, seine Reli- 
gion, sich unglücklich und unhelleriisch fühlend, bis er überall Wesen 
und Form harmonisch geeint hatte, wie viel er dabei auch wohl vom 
Wesen anfoptern musste. Mann neben Mann, Staat neben Staat, wie 
Zelle an Zelle ist das Princip des Hellenen. Als der Macedonier dieses 
Princip durchbrach und die Kraft Griechenlands zusammenzufassen 
suchte, zeigte sich, dass es unmöglich war, diese schönen, glänzenden, 
aber spröden Krystalle organischer zu verbinden. Die Unfähigkeit der 
Griechen zu einer Weltherrschaft ward bei Alexander's Tod über- 
raschend klar. 
Der Römer hingegen dachte an keine Begränznng. Der Sinn für 
das Maassvolle, der für Alles gleich nach einer schönen Form sucht, 
fehlte ihm. Seine Kraft strebte unaufhaltsam in's Weite, dem Wesen 
der Dinge dabei huldigend. Hierdurch und durch sein Organisations- 
talent, durch welches er sich nie in's Kleinliche, in's hemmende Detail 
verlor, errang er die ungeheuren Erfolge. Der Grieche machte sich, 
wie ähnlich der Franzose es liebt, überall zum lilittelpunkt, der Römer 
stellte sich ähnlich dem Engländer voran und herrschte. 
Giebt uns der Römer darum nicht das Bild einer so schönen har- 
monischen Menschlichkeit, so giebt er uns das einer in's Erhabene sich 
steigernden Kraft. Ist im griechischen Staatsleben ein krystallinisches 
Aneinanderschiessen, so gleicht die Herrschaft Roms einem mächtigen 
Baum. Von Natur war der Römer nicht so ebenmässig und schlank 
wie der Grieche, soiidern gedrungen gebaut. Von Antlitz zeigte er sich 
mit scharfen, eckigen Zügen, die auf Entschiedenheit hinwiesen; das 
milde und sonnige Lächeln des Griechen ist ihm fremd; der strenge 
und sorgenvolle Ausdruck waltet vor.
        

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