Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179722
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Staaten. 
Völker. 
Alterthum. 
Das 
aber schlottrigen, ungeschlachteten, pöbelhaften Maulhelden. Als Odys- 
seus sich zum Kampfe gürtet und die festen, ehernen Glieder von den 
Lumpen entblösst, da befällt den Prahler Iros Furcht: 
Doch man führt ihn hervor und beid jetzt huben die Händ' auf. 
Jetzo erwog im Geiste der herrliche Dulder Odysseus: 
Ob er ihn schliige mit Macht, dass er gleich hintaumelte scellos; 
Oder ob sanft er schliig' und nur auf den Boden ihn streckte. 
Dieser Gedanke erschien dem Zweifelnden endlich der beste: 
Sanft zu schlugen, dass nicht argwöhnend ihn sähn die Achaier. 
Jetzo erhaben sich beid, und es schlug ihm rechts auf die Schulter 
Iros; den Hals schlug jener ihm unter dem Ohr und zerbrach ihm 
Drin das Gebein: schnell stürzt aus dem Mund ein purpurner Blntstroin; 
Und er entsank in den Staub mit Geschrei, dass die Zähn' ihm erklirrten, 
Zappelnd die Füss an der Erd'    
Man muss englische Preisboxer gesehen haben, um die Wahrheit 
dieser Schilderung zu verstehen und zu begreifen, welche Waffe die 
Faust werden kann, wenn die Kunst die Schwachen des Gegners, den 
Angriff und die Abwehr lehrt. Von Jugend auf wurde der griechische 
Jüngling geübt und in der Palästra zur Kraftentfaltung, sowie zur Herz- 
haftigkeit und edlen Haltung angehalten. Jede Rohheit ward durch 
strenge und würdige Leitung erstickt, namentlich musste die Musik das 
Gegenmittel abgeben, die etwaigen schlimmen Folgen der Gymnastik  
Uebermuth, Rauflust, Brutalität  aufzuheben. Die musische und die 
gymnastische Kunst vereint, bildeten die Erziehung. Hören wir darüber 
Platon in seinem Dialog über den Staat: 
"Sokrates: Bemerkst du nicht, wie die Gemüthsart derjenigen be- 
schaffen sei, welche ihr Leben hindurch nur Gymnastik getrieben haben, 
ohne sich mit derMusik je abzugeben? und wie hingegen alle diejenigen 
gesinnt sind, welche das Gegentheil gethan haben? Glaukon: Wovon 
redest du? Sokrates: Ich rede von der Wildheit und Hartmüthigkeit 
auf der einen Seite und auf der anderen von der Weichliehkeit und 
Sanftmtithigkeit. Glaukon: Und ich erkenne, dass diejenigen, welche 
sich nur mit Gymnastik abgeben, Wilderer Gemüthsart werden, als sie 
sein sollten; sowie hingegen die blosen Musengenossen viel W8iCllllCllEl' 
ausschlagen, als es für sie rühmlioh ist.    Sokrates: Unsere 
Beschützer des Staats müssen aber, wie wir annehmen, diese beiden 
Naturen in sich vereinigen. Glaukon: Das müssen sie. Sokrates: Sie 
müssen daher in eine gegenseitige Harmonie unter einander gebracht 
werden. Glaukon: Wie anders? Sokrates: Aus dieser Ilarmoiiisirung 
entsteht in der Seele ebensoviel von weisser Mässigung als Herzhaftig- 
keit. Glaukon: Ja, sehr. Sokrates: Ohne diese getroffene Vereinigung 
hingegen wird die Seele entweder verzagt oder verwildert. Glaukon: O 
sehr. Sokrates: Wenn daher Jemand der Musik so viel vergönnt, dass 
jene süssliehen und weichmüthigen und weinerlichen Harmonien seiner 
Seele durch die Ohren wie durch einen Kanal immer vortönen und sie
        

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