Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179682
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Staaten. 
Völker. 
Das Alterthum. 
hoifen; die Anstrengungen der Wiederbelebung verpuiften in's Blaue. 
Heutigen Tags, wo gleichfalls die krummen Schreibstubenrücken wieder 
durch Turnen gradgezogen werden sollen, wo aber auf geistigem Ge- 
biete das Losungswort: Aufklärung, auf politischem nicht ein nur halb 
verstandener Traum, sondern die Ziele: Freiheit von falscher staat- 
licher Bevormundung und Einheit  ohne Abklatsch und Kokettiren 
mit Ideen, die vor 7, 8 und mehr Jahrhunderten Europa bewegten  
wo solche Ziele gesteckt sind, da kann und wird ein Erfolgi nicht aus- 
bleiben, mag er auch langsam und durch verschiedene Abirrungen l1in- 
durch vor sich gehen. Der lnstinct der Zeit hat uns Deutsche geführt 
zum Turnen, zu Festen und Vereinen. Nur nicht allzuviel Musik in 
solchen harten Zeiten und dann immer männliche, grossartige Musik! 
Die Musik soll die Empfindungen lieben und die Gedankenharte mildern. 
Wir haben aber schon zu viel Empfindungen und müssen eher hart als 
weich geschlagen werden. Nur nicht zu viel Tanz, denn unser Tanz ist 
nicht viel mehr als Getrappel und hat darum keine grosse ästhetisch 
bildende Bedeutung! Als Hauptsache bei allen Vereinen, dann auch 
als sehr wichtig bei Festen erscheint die Rede. Hier wird vor allen 
Dingen darauf zu achten sein, dass die Rede auch wirklich Rede sei, 
die zum Verstande der Hörer spricht und ihre geistige Regsamkeit 
weckt. 
S0 sehr die Bestrebungen unserer Zeit anzuerkennen sind, so wäre 
doch auf einige Punkte noch mehr Rücksicht zu nehmen. Das freie 
Spiel der Jugend, der das Turnen häufig mit dem Anschein eines Zwan- 
ges oder mit wirklichem Zwange beigebracht wird, wird zu sehr ver- 
nachlässigt. Die lebhaften, viel Raum erfordernden Spiele verschwinden 
mehr und mehr, wofür die turnerisclien und Wehr-Uebungen nicht ent- 
schädigen; so nimmt z. B. das rührige, Gewandtheit erfordcrnde Ball- 
spiel immer mehr ab. Hier müsste die Gemeinde dafür sorgen, indem 
sie grössere Plätze ausdrücklich der Jugend, den Knaben, überlässt, 
statt dass diese überall wegen ihres frohen Geschreies, wegen der Balle, 
die Fenster entzwei schlagen könnten, verjagt werden. Würden die 
Lehrer und Eltern dann zuweilen zuschauen und etwa den besten Ball- 
sehläger oder Steinwerfer beleben, würde man die Knaben ermuntern, 
statt sie zurückzuhalten und jedes lärmende Spiel als ungesittet zu 
tadeln, so würde hier bald eine Besserung eintreten. Statt den Kindern 
Hallen für den Winter zu bauen, jagt man sie selbst im Sommer gern 
von den Plätzen und Strassen; statt Knabenspiele zu piiegen, bewirkt 
man, dass die fünfzehnjährigcn Weisen sich womöglich des Spieles 
Schämen. 
 Was die kriegsfähige Jugend betrifft, so wird diese, wenn sie zum 
Dienste berufen wird, doch nicht mehr ausschliesslich dressirt, sondern 
Symnifßtischer ausgebildet als früher. Der Mann wird mehr als Persön- 
lichkeit betrachtet und die Selbständigkeit des Einzelnen für die auf-
        

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