Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179676
Staaten. 
Völker. 
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tisehe, geistige und körperliche Ausartung wird die Folge sein. Am 
schönsten wird sich übrigens ein Volk- freilich meistens nur für kurze 
Dauer  in der Periode zeigen, wo es am Rande der Demokratie steht 
und in die Ochlokratie oder Tyrannis überzugehen im Begriff ist. In 
einer solchen Uebergangszeit sehen wir alle Kräfte entbunden, ohne 
dass schon das wirre Durcheinander einer Pöbelherrschaft bemerkbar 
wird: es ist ein Regen und Leben, ein Schaffen, Vorwärtsringen, eine 
Genussfreudigkeit und Genusskraft vorhanden, die das Grösste unter- 
nimmt und ausführt. Man denke an Athen und Florenz. Welche Männer 
haben diese Städte geboren, welche Werke sind in solchen Perioden ge- 
schaffen! Auch Rom, Frankreich, England  die beiden letzten vor 
und in ihren Revolutionszeiten  könnte man dafür anführen, nur dass 
hier die Geister zu sehr von politischen Bewegungen absorbirt wurden. 
Staatsverfassungen, die gleich weit von Zwang wie von Willkür ent- 
fernt sind, die jede freie Entwickelung des Individuums unterstützen 
und nicht blos eine Kaste begünstigen, sondern die Massen heranzu- 
bilden suchen, solche sind auch ästhetisch die besten. So die constitu- 
tionellen Regierungen unserer Tage, die geniässigten Aristokratien und 
Demokratien.  
Zur ästhetischen Entwickelung eines Volkes gehört Freiheit. Dann 
ein gewisser Grad von Wohlhabenheit, welche Musse giebt. Denn erst 
wenn das Bedürfniss befriedigt ist, beginnt das Schöne. Reges körper- 
liches und geistiges Leben ist weitere Bedingung für die Einzelnen; für 
die Gesammtheit politisches Leben. Die Gränzen einer politischen Be- 
theiligung zu stecken ist hier weder der Ort noch handelt es sich darum. 
Genug, dass des lilannes Blick über den engen Kreis seines Ich's oder 
seiner Familie hinausgelenkt werden und er sich als ein Glied der Ge- 
sellschaft fühlen muss;  wie unabänderlich dieser Trieb des Wirkens 
in der Gesellschaft bei kräftigen Niölkernlsich geltend macht, liesse sich 
trefflich nachweisen an den politischen und religiösen Bewegungen, von 
denen eine die andere abzulösen pflegt. 
ln gesunden Staaten werden "sich die gestellten Anforderungen von 
selbst erfüllen. Das Volk wird frisch sein, die Jugend wird spielen, die 
Manneskraft sich üben, Feste werden gefeiert werden, Philistergeist 
wird keine Stätte haben, das bewegte Leben wird eine sonst vielleicht 
mangelhaftere Erziehung ergänzen. Anders bei einem gedrückten Volke, 
mögen die Ursachen des Drucks nun sein, Welche sie wollen. Hier ist 
auch eine ästhetische Erziehung nothwendig, so schwierig sie auch ist. 
Erkennung des Uebels muss natürlich vorausgehen; so lange man nicht 
die Axt an dessen Wurzel legt, erschöpfen sich alle Anstrengungen. So 
z. B. hat bureaukratisches Regiment auf die Deutschen lähmend einge- 
wirkt. So lange man nun nur für Uebung des Körpers und für einen 
sogenannten deutschen Sinn schwärmte, der in seiner Romantik durch- 
aus nicht kernhaft deutsch war, so lange war keine Besserung zu
        

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