Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179668
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Staaten. 
Völker. 
Das Alternhuln. 
ständig. Gewinnt ein Volk sein Watfenrecht nicht wieder, was wohl 
mit einer Verschmelzung Hand in Hand zu gehen ptiegt, so wird es er- 
niedrigt. In den meisten Fällen aber wirkt eine solche Eroberung mehr 
als Auffrischung des Volks durch das neue, kräftige Blut denn ver- 
kümmernd. 
Schlimm wirkt systematische Despotie, systematische Unterdrückung 
überhaupt, wie wir sie bei den Europäern in so hohem Grade ausgebildet 
finden. Nicht der persönliche Despot, sondern das überall herrschende 
System, dem keine Hütte, kein entlegenes Dorf, dem das Kind in der 
Wiege, der Greis auf der Todtenbahre, die Braut vor dem Altar nicht 
entgeht, beherrscht, überwacht, lähmt Alles. Einer solchen gesetzlichen 
Umschnürung, wo nicht geraubt, sondern ausgesogen wird, kann sich 
Niemand entziehen. Unter diesen Schlaugenumstrickungen muss jedes 
Volk verkümmern. Nicht einmal der thierische Instinct der Selbster- 
haltung wird bewahrt, weil die Unterdrücker nicht offen auftreten, son- 
dern hinter dem Schild schlechter Gesetzlichkeit, der von ihnen gege- 
benen, angreifen und dadurch vor Schwert und Kugel sich besser 
bewahren, als der orientalische Despot. Das Volk wird dadurch ver- 
dummt, tölpelich, es wird zum Sclaven. Stolz, freier Muth, jede wahre 
Mannhaftigkeit enttlieht. Welch ein munteres sprudelndes Volk waren 
die Deutschen im I6. Jahrhundert! Und wie sahen sie aus, als über 
das durch den 30 jährigen Krieg ruinirte Land die Netze des gebildeten 
d. h. des raftinirteii Despotismus geworfen wurden! Zu welchen erbar- 
mungswürtligen Geschöpfen waren die Franzosen des vorigen Jahrhun- 
derts herabgedrückt. 
Ebenso systematisch herrschende Aristokratie. S0 lange Herrscher 
und Unterdrückte mit einander kämpfen, zeigen sich jene auf der Höhe 
der Männlichkeit, die schon geschildert wurde und behalten diese ihre 
geistige Regszimkeit; so zeigt uns Rom die mächtigsten Gestalten trotz 
oder in Folge der inneren Partheiungen; so hat das angelsächsische 
Volk sich nie den Normannen ganz gebeugt und das furchtbarste, har- 
teste Joch der Tyrannei, was über seinen Nacken geworfen wurde, ab- 
geschüttelt. So wie aber der Kampf beendet ist und die Unterliegenden 
sich auf Gnade und Ungnade unterwerfen, sobald sind sie ästhetisch zu 
einermiederen Rage herabgedrüekt. Man könnte verschiedene Provinzen 
dafür anführen, wenn man nicht gleich den ganzen deutschen Bauern- 
stand als Beispiel nehmen will. Nach den Bauernkriegeu und besonders 
durch die schrecklichen Drangsale des 30jährigen Krieges wurde er 
überall  wenige Freistätten ausgenommen  der Herrschaft des Adels 
unterworfen und zu einer dumpfen Knechtschaft herabgewürdigt, deren 
Folgen er noch heute nicht verwinden kann. 
Die Entfesselung der Massen in der Ochlolzratie untergräbt eben- 
falls bald ein Volk. Die ungebantligten Leidenschaften, die Willkür 
ziehen ästhetisch wie politisch bald Verfall und Sturz nach sich. Poli-
        

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