Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179632
Die Stände. 
193 
"Rigr ging dann zu einem grösseren Hause, dessen Thür nach 
Osten war, mit einem Ringe versehen; er ging hinein, das Estrich war 
bedeckt, die Gatten sassen da, sich anschauend, und spielten mit den 
Fingern; sie hiessen Fadir und Modir (Vater und lilutter). Der Haus- 
herr flocht eine Senne, bespannte den Bogen und machte Stiele für die 
Pfeile zurecht, die Hausfrau beschaute ihre Arme, strich das Linnen 
glatt und machte die Aermel fester und setzte ihre Haube zurecht. Auf 
der Brust war eine Spange, das lange Kleid hing ganz herunter, das 
Hemd war blau. Die Braue war leuchtender, die Brust glänzender, der 
Hals weisser als der reinste Schnee. Rigr setzte sich auf die Mitte der 
Bank, die Gatten zu beiden Seiten. Modir nahm ein buntes Tuch von 
weissem Flachs und deckte den Tisch, dann bedeckte sie das Tuch mit 
dünnen Laiben von Waizen und setzte volle silbergeschmückte Schenk- 
tische hin. In der Schüssel war Wildpret, Speck, gebratene Vögel, im 
Kruge Wein, die Becher waren überzogen mit Metall und sie tranken 
und plauderten bis zum Abend. Rigr weilte drei Nächte, dann ging er 
fort und nach neun Monden gebar Modir einen Knaben, den sie in Seide 
wickelte und er bekam in der Taufe den Kamen Jarl (Graf). Sein Haar 
war blond, seine Wangen blühend, die Augen lebhaft wie bei einem 
Schlängelchen. Jarl wuchs heran, lernte den Speer schwingen, Pfeile 
schiessen, reiten, jagen, Schwert zucken, schwimmen. Rigr kam aus 
dem Hain dorthin, lehrte ihn Runen, gab ihm seine Namen und erklärte 
ihn für seinen Sohn, der die alten Güter und alten Wohnungen haben 
sollte. Dann ritt Jarl auf dunklen Wegen durch neblige Berge zu einem 
Hofe, lernte Schlachten schlagen und Länder erobern. Er besass allein 
achtzehn Güter und theilte Allen Kostbarkeiten aus, und die Herrlichen 
fuhren auf feuchten Wegen und kamen zu einem Hofe, wo Hersir (der 
Freiherr) utohnte und es kam dem Jarl die zarte, gegürtete, weisse, 
muthige Jungfrau entgegen, welche Erna (Rüstig) hiess. Jarl vermählte 
sich ihr und sie gebar ihm: Kind  Geboren  Nachkömmling  
Edel  Erbe  Verwandter  Abkömmling  Sohn  Junge  
Blutsverwandt  und Mann war der jüngste. " 
Trefflich, wenn auch mit dem echten aristokratischen Hochmuthe 
der Nordmänner, sind hier die Stände gezeichnet. 
Noch eine kurze Bemerkung über die Einwirkung des Elerrschens. 
Der Herrschende ist der Kräftigere und Reichere. Er hat Zeit und 
Mittel Körper und Geist zu bilden, verrichtet keine niederen, schmutzigen, 
verunstaltenden Arbeiten. Herrschaft giebt Selbstgefühl, Stolz und hebt 
den Menschen. Zum Herrschen gehört geistige und körperliche Kraft, 
dann auch Ordnung, Zucht. So lange der Herrschende in Wahrheit ein 
tüchtiger Herrscher ist, sich weder zur Brutalität und Rohhcit hin- 
reissen lässt, noch in Weichlichkeit, Ueppigkeit, Faulheit verfällt, so 
lange er durch geistige und körperliche Uebermacht voransteht und mit 
dem eigenen Beispiele der Ordnung, der Gesetzlichkeit die Untergebenen 
Lemcke, Acsthetik. 2. Aud. 13
        

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