Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179586
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Der Mensch 
seiner 
Thätigkeit. 
biegt die Kniee einwärts beim Halten des Schuhes, der Bäcker beim 
Kneten, indem er sie gegen den 'I'rog stützt u. s. w. Der Rücken wird 
krumm gezogen beim Hobeln- des 'I'ischlers, beim Schuster u. A. Durch- 
schnittlich finden wir daher bei Handwerkern Verbildungen. l)as Volk 
kennt sie ausgezeichnet und gebraucht sie zu Neckereien. Ferner wird 
der Blick meistens wegen der Arbeit gesenkt; bei Vielen, die nicht 
scharf zu sehen nöthig haben, bekommt er etwas innerliches, in sich 
gekehrtes. Die Stube oder enge Werkstatt übt dann auch geistig wohl 
einen dumpfen Einfluss aus. Der Mann sitzt in seinen vier Wänden, 
sein Blick wird beschränkt. Die Körperhaltung während der Arbeit, 
sowie die Arbeit selbst ist ferner wichtig. Gebückter Rücken, Druck 
gegen den Unterleib macht melancholisch. So wird der pcehige Schu- 
ster, auch 'der Weber zum Grübler und Mystiker. Der schwächliehe, 
spitze Schneider, (lünnarniig, feinfingerig, beingrätschend, wird ein un- 
ruhiger, änderungssüchtiger Geist, sobald er Modearbeiten bekommt, 
denn seine ganze Arbeit ist dann steter Wechsel. Er ist darum stets 
voran, wo es etwas Neues gicbt und huldigt enthusiastisch dem Helden 
des 'l'ages wie dcr Mode. Schneider und Schuster sind seit uralten 
Zeiten komische Lieblingsfiguren des Volkes. Zu den Stubenhandwer- 
kern müssen wir auch die meisten Fabrikarbeiter zählen. Durch das 
Zusammendrängen Vieler in ungenügende Räume werden sie blass von 
Farbe; jede einseitige Arbeit, die sie zu verrichten haben, bildet auch 
ihren Körper meistens einseitig aus und macht sie difform. Gerade 
unter ihnen finden wir die meisten geistig wie körperlich verkümmerten 
Menschen. Doch bessert es sich hierin. Die Baulichkeiten werden ge- 
räumiger und zweckmässigei- eingerichtet, die Arbeitsstunden vermin- 
dert, der Unterricht übt seinen Einfiuss. Was den Handwerker, auch 
den sitzendsten, frischer erhielt, das fehlte dem Fabrikarbeiter und be- 
ginnt leider auch dem Ilandwerker mehr und mehr zu fehlen, ohne dass 
bis jetzt voller Ersatz durch Turnen und gesellige Vereinigung ge- 
schaffen wäre  das ist das frische Wandern, wo auch Schuster und 
Schneider die Beine und den Rücken streckten und sich zu geraden 
Menschen liefen, das war die Zunft, die den Gesellen auch auf das All- 
gemeine hinwies, in der er Rede und Antwort stehen musste, wo er sich 
als vollwichtiger Mensch erschien. Jetzt ist diese alte Form verknöchert 
und wird beseitigt, weil sie der Zeit nicht mehr entspricht. Ersatz ist 
aber noch nicht genügend gefunden. 
Zwischen dem Stubenarbeitei- und dem Draussenarbeiter stehen 
die Schlächter, Schmiede, Müller u. A. Darunter zeichnen sich die 
Schlächter durch wohlgebildeten Körper aus. Ihr Geschäft drückt 
ihnen aber nur zu oft etwas Brutales auf. Der Schmied ist in Folge 
der schweren Hammerarbeit meistens stark von Oberkörper mit schwäch- 
lichem Untergestell. Häufig ist er an Wunden, durch glühendes. ab- 
springendes Eisen verursacht, hinkend; so finden wir ihn in fast allen
        

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