Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177763
Bcgri 
der 
stik. 
die ilachste Zeit die Neu-Gothik die tretfendsten Parallelen bieten. 
Dort Alles regelmässig, übersichtlich, schablonenartig; Alles soll klar, 
verständlich, nützlich sein; das religiöse Princip ist nicht vergessen, 
aber die Kirchen sind doch Nebensachen und schulhausmassig nüchtern. 
Der Bau ist weit angelegt, die Strassen sind gross und breit, aber 
ganze Viertel liegen tlnangßbßllt; von einer festen Umgränzung ist 
keine Rede. Die Stadtanlage verläuft ohne Wall und Mauer inis freie 
Feld. Dagegen die Stadt des Mittelalters mit den engen, winkeligcn 
Gassen, mit ihrem Alles überragenden Dom als llrlittelpunkt, mit all' 
dem bizarren und malerischen Hauserwerk, Stockwerk über Stockwerk 
aufgethürmt, mit all' dem Wechsel von Licht, Schatten und Halb- 
dunkel; feste Ringmauern rings herum und enge vergatterte Thore 
darin  das ist die Scholastik. Ist dort die Ordnung zum Zwang 
gemacht und peinlich, so hier die Willkür und die Einschachtelung 
störend; hat man dort zu viel Sonne und Luftzug und zu wenig 
Schatten, so fehlt Einem hier Licht, Luft und Sonnenlicht; man muss 
sich angewöhnen im Halbdunkel zu tappen. Wer nicht auf's Genaueste 
mit all den Strassen, Wegen und Winkeln bekannt ist, kommt nicht 
aus der Stelle, verirrt und verläuft sich. 
Unsere neuere Philosophie und unsere Nieu-Gothik SClHVVÄilTIlIG be- 
wusst oder unbewusst für solche Zustände. Die Philosophie hat ihr 
Redlichstes gethan, um in ihren Werken ähnlich zu erscheinen. Was 
der Dom ist, das wurde wieder die absolute Idee oder auch echt mittel- 
alterlich ein Satz der Religion. Ein Nebeneinander der Begriffe galt 
nicht mehr. Begriff musste aus Begrilf herausgezogen werden, bis der 
letzte so spitz war, wie die Spitze des gothischen dlhurmes. Wenn 
darüber die Kreuzblume auf den Himmel und die Religion wies  um 
so besser. Klarheit erschien trivial. Die einfachste Wahrheit musste 
wo möglich gedämpft werden, wie das helle Sonnenlicht durch bemalte 
Fenster.  Wer wollte läugnen, dass von der nenern Philosophie Be- 
deutendes geleistet worden ist und dass eine immense Kühnheit und 
Kraft sich in ihr ausspricht! Wer aber auch, dass ungeheure Geistes- 
kraft durch sie nutzlos aufgezehrt worden? Wie viele Anstrengungen 
sind nicht verschwendet, nur um sich in ihr zureehtzutinden! Alle die 
müden Köpfe, die darüber gebrütet haben und nur zu häufig in den 
dunklen Ecken und Winkeln sich verrannten! All' der geistige Hoch- 
muth, der dort wieder atlsgeheelzt wurde und auf das Volk seine trau- 
rigen Reflexe und (lunkelen Schatten warf! Soviel abstruses Zeug, das 
in den düsteren Winkeln aufgethürmt ward! Die deutsche Nation 
hat schwer darunter zu leiden gehabt. Es ist in diese Speeulationen 
so viel geistiges Kapital hineingesteckt worden, dass die Arbeiten auf 
anderen Gebieten steckten. Als man dann hoffte, das philosophische 
Gebäude so hoch gebaut zu haben, dass dem absoluten Princip nichts 
mehr übrig blieb, als sich auf Gnade oder Ungnade in seiner höchsten
        

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