Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179473
Geschlechter. 
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Auch der Greis und die Matrone können schön sein, fallen aber 
doch leicht ins Deforme. Die Hülle schwindet, das Skelett darunter 
kommt zum Vorschein. Der Körper wird wieder schwach, zur Erde 
aus seiner aufrechten Stellung nieder-sinkend. Zähne und Haare fallen 
aus. Wie ehrvrürdig übrigens Greise und Greisinnen sein können, ist 
bekannt; hauptsächlich aber ist es das innere Leben, was die ver- 
gebende Form beleben und anziehend machen muss. 
Die Stimme des Menschen gehört sowohl als Sprache wie als ge- 
steigerte künstliche Sprache, als Gesang, zum Schönsten, was wir 
kennen. Die Stimme des Mannes und die der Frau und des Kindes 
tönt ungleich. Jene ist tiefer, dumpfer, diese heller, klingender. 
Die Frage, wie der sogenannte Schmuck des männlichen Ge- 
schlechts (Hörner, Stoss-, Hauzähne, Mähne, Bart u. s. W.) aufzufassen 
sei, ist weder leicht zu lösen, noch unwichtig. Glänzender Feder- 
schmuck u. dergl. ist an sich ästhetisch bedeutsam und bedarf keiner 
Erklärung. Von'den Waffen der Thiere kann man einfach sagen, dass 
sie das Thier ästhetisch heben, weil Kraft zu Vertheidigung oder An- 
griff von uns geschätzt und geachtet, Unfähigkeit zu schaden oder sich 
zu wehren nur bemitleidet wird. Vielfach vergrössern solche Waffen 
(z. B. Geweihe) nicht blos den Eindruck der Kraft bedeutend, sondern 
vergrössern das Thier im eigentlichen Sinne für die Erscheinung. Dass 
ein Thier mit Waffen, seiner durch dieselben verliehenen grösseren 
Sicherheit bewusst, meistens einen ganz anderen, muthigeren, statt- 
licheren Ausdruck zeigt, als das watfenlose oder walfenlosere Thier 
derselben Art, dafür bedarf es nur der Einweisung. Manche Auszeich- 
nungen (Troddeln, Büschel, Kamm u. s. w.) heben hervor, werden durch 
die Auffälligkeit für die Betrachtung ästhetisch bedeutend. Die Mähne 
verdeckt Theile des Körpers, lässt ihn aber aber dagegen grösser, 
mächtiger erscheinen; wenn sie den Vorderkörper ziert, z. B. beim 
Löwen, wird das Hauptgewicht auf die edleren Theile geworfen, auf 
Kopf, Hals und Schulter, während die Löwin mehr Rumpfthier bleibt. 
Wie aber ist der Bart beim Manne aufzufassen, bei welchem er 
einen Theil der edelsten Körperbildung, des Gesichts verdeckt? Weist 
nicht überhaupt die stärkere, an einen Ueberrest von Pelz erinnernde 
Behaarung darauf hin, dass der Mann tiefer stehe als das Weib, dass 
er die erste, noch mehr thierische, die Frau die verbesserte Auflage 
sei? Ist das bartlose Antlitz schöner, dem Menschlichen entsprechender 
als das bärtige? 
Einerseits schadet der das untere Gesicht verhüllendc Bart dem 
Ausdruck, dem Sprechenden der Züge. Die feinen Regungen auf den 
Wangen und um den Mund gehen durch ihn VCNOPEH; das für den Aus- 
druck so wichtige Kinn wird ganz versteckt. Andererseits. stimmt der 
Bart zum männlichen Wesen, indem er die Erscheinung bedeutender, 
SOWie furchtbarer macht. Ferner 'ist ein schöner Bart für sich wohl- 
, Lemcke, Aesthetilz. 2. Auli. 12
        

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