Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179451
Geschlechter. 
und Waden. Keine Linie verläuft bei ihr kurz, scharf, eckig; alle 
schwellen oder wölben in weichen, schönen Bogen. Am längeren, schlan- 
keren Halse senkt sich das zierliche Köpfchen ein wenig vor. Der 
Hals und die gerundeten Schultern sind in geschwungenen Linien mit 
einander verbunden, während beim Mann der Hals mehr rechtwinklig 
auf den viereckigeren Schultern sitzt. Der schlankere, schmalere Ober- 
körper erscheint durch die ernährenden Brüste reich und weich. Die 
Mitte des Körpers, das Becken ist breit entwickelt; die starken Sitz- 
theile könnte man als zum Gegengewicht gegen den befruchteten Leib 
bestimmt erklären. Der Schwerpunkt wird dadurch mehr nach unten 
geworfen. Wäre auch noch der Oberkörper wie beim Mann belastet, 
so wurde beim Gehen das Gleichgewicht schwieriger zu halten und 
würden die Beine leicht überlastet sein. Diese sind kürzer als beim 
Mann, namentlich vom Knie abwärts; durch die Schwellung der vollen 
Schenkel zu den breiten Hüften erscheinen sie an den Knien vielfach 
eingebogen und machen nicht einen so stracken Eindruck. Das Haar 
ist weicher, die Haut zarter, durchscheinender. Alle Formen sind 
mehr durch Fettbildung überkleidet und zu einander vermittelt, wo- 
durch der weiche Schwung der Linien entsteht; während Alles  Mus- 
keln, Sehnen, Adern, Knochen beim Mann unverhüllter zu Tage tritt. 
Die Frau, hat man richtig gesagt, erscheint pfianzenhafter, der Mann 
thierischer. Bei diesem weisen alle Formen auf Vorwärtsdringen, 
Ergreifen, Bezwingen; bei ihr mehr auf Ernährung und Wurzeln an 
einem Orte. Mit der Frau verglichen, rückt der Mann mehr in's Er- 
habene und Gewaltige; mit dem Mann verglichen erscheint die Frau 
mehr reizend und lieblich. 
Von den sonstigen Eigenschaften will ich nur die anführen, die 
aus der Kraft, resp. Schwäche sich herleiten. Der kräftige Mann hat 
die Vorzüge und Fehler, die wohl die Kraft begleiten. Er ist muthig, 
offen, rücksichtslos, strenge, stolz, hart, gewaltsam, brutal. Das 
schwächere Weib muss sich mehr durch List und Gewandtheit schützen. 
Es ist schmiegsamer, milder, nachgiebiger, furchtsamer, erbarmender, 
aber auch versteckter, verschlagener, zur List, auch zum Quälexi ge- 
neigter. Doeh wie könnte man hier mehr als Einzelheiten geben! 
Die Geschlechter vereinigen sich in der Ehe. Erst Mann und 
Frau in ihrer Vereinigung zeigen die wahre menschliche Harmonie. 
Die überirdische Macht der Liebe  in der Sinnenwelt wurzelnd, aber 
in eine höhere Welt hineinragend  verbindet die Geschlechter zu 
dem Anschliessen und Ergänzen, dessen Dreiklang das Kind bildet. 
Der Mann ist schön in seiner Art, die Frau in der ihrigen, aber die 
-absolute Schönheit des Menschen ist eine geistig, aus der Vereinigung 
der Geschlechter gewonnene. Abgeschmacktheit oder Schlimmeres ist 
herausgekommen, wo man in der Zwitterbildung des Hermaphroditen 
eine körperliche Vereinigung versucht hat. Die Ehe ist eine freie Har-
        

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