Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179442
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Der Mensch. 
Der alte Dichterfürst müsste heutigen Tages bekanntlich noch 
Manches hinzusetzen, um die Gewalt des Menschen zu schildern. Mit 
Windeseile saust er auf Eisenschienen dahin, gegen Sturm und Wogen 
schnaubt das Schiff, das er sich jetzt erbaut; mit Gedankensehnelle 
lasst er die Worte über hunderte von Meilen fliegen, auf eine Stunde 
weit schleudert er den Tod  Schade nur, dass er nicht auch an 
Schönheit stets in gleicher Weise mit seinem sonstigen Vermögen vor- 
geschritten ist. Einige Naturforseher behaupten dies freilich gewisser- 
maassemindem sie auf einen tlachschädeligen, dem neu-holländischen 
Wildenüthnlichen Urbewohner Europas hinweisen. 
Der Unterschied der Geschlechter ward bisher nicht berührt. Bei 
den meisten Thieren (Raubvogel, Spinnen und mancherlei niedere 
Arten ausgenommen) ist das Männchen grösser, kräftiger als das Weib- 
chen, meistens breiter entwickelt am Vorderkörper, und wohl durch 
besondere Zierden (Farbenglanz, Federn, ltlähne u. s. w.) oder Waffen 
(Hauer, Stosszähne, Hörner) ausgezeichnet. Auch beim Menschen ragt 
der mit einem Bart geschmückte Mann durch Grösse und Kraft vor 
der Frau hervor. 
Der Mann ist, verglichen mit der Frau, mächtiger, kräftiger an 
Brust und Schultern, schmaler um die Hüften, wo das Weib am brei- 
testen erscheint. (Zeising vergleicht darum die Form der Frau mit 
einer Ellipse, die des Mannes mit einem Oval.) Er ist von Beinen 
höher, schlanker, stracker; die Beine stehen gerade, säulengleieh. Ein 
breiterer und längerer Fuss trägt die grössere, überhaupt von grösseren 
Knochen gestützte Last. Die breiten, geraderen Schultern tragen den 
kürzeren Hals, der im Unterschied von dem eher hirschhalsig erschei- 
nenden Hals der Frau oft in leicht convexem Schwung an den Stier- 
nacken erinnert. Aufrecht trägt derselbe den grösseren Kopf, dessen 
Blick durch die gerade Haltung mehr in die Ferne gerichtet erscheint. 
Das Gesicht umrahmt ein Bart. Sämmtliche Formen sind bei dem 
Manne schärfer herausgearbeitet, schwungloser, trockener. Sie er- 
scheinen durch die hervortretenden, festen Muskeln harter auch von 
Ansehn. Die Belebung der einzelnen Körpertheile durch den Wechsel 
der schwellenden Muskeln steigert sich bei herausgearbeiteten Körpern 
wohl bis zur unruhigen Gliederung durch die überall vorstarrenden, 
neben einander gelagerten Muskeln, besonders an Brust, Rücken, 
Armen und Beinen. Alles am Mann verkündet Kraft und Energie; 
besonders drückt sich das auch im muthigeren Blick aus, der dort 
drohend wird, wo der Blick der Frau Aengstlichkeit verräth. Der 
Mann ist dafür eingerichtet, dass er „hinaus muss in's feindliche 
Leben, muss wirken und streben, muss wetten und wagen das Glück 
zu erjagen." 
Die Frau ist kleiner, zarter; sie ist weicher, schwungvoller, aus- 
ladender in den Formen, an Brüsten, Hüften, den Sitztheilen, Schenkeln
        

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