Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179280
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Das Thierreich. 
sind kurz, gewöhnlich versteckt. Entweder sitzt das Thier mit krumm- 
gezogenem Rücken oder es schiesst langgestreckt mit hinteifnaiis- 
stehendem Schwanze wie ein schwarzes Eidechsehen dahin, mit einer 
Geschwindigkeit, die die Beinbewegung zu erkennen schwierig oder 
unmöglich macht. Während es im Sitzen bei näherer Betrachtung 
noch zierlich erscheinen kann, wird es daher beim Laufen unheimlich. 
Ein dunkler, wegen Kleinheit und Geschwindigkeit nicht aufzulösen- 
der Flecken scheint über den Boden zu schiessen. 
Die Missfarbe und Wuth der Ratte kann unsere Antipathie gegeln 
diese grössere Maus nur verstärken, wenngleich sie wegen ihrer Grösse 
erkennbarer ist. Die Furcht vor Ratten hat darum etwas Handgreif- 
liches, während sie bei den Menschen, die Mäuse fürchten, etwas Ge- 
spensterartiges hat. 
Ueber die Absonderlichkeit, resp. Hässlichkeit der iiatterndeu 
Mäuse brauche ich kein Wort zu verlieren. Die Platter-haut. welche 
durch die spinnenbeiuartigen Finger gespannt ist, Ohrenbildung. 
Schnauze u. s. w. ist garstig oder unter Umständen unendlich komisch. 
Bleiben wir bei den niedrig gebauten Thieren. Da ist das Maul- 
wurfsgeschlecht, Walzen an einem Ende spitz auslaufend, mit fast 
unsichtbaren Augen und Ohren und vier kurzen Schaufeln, welche die 
Füsse vorstellen. Da ist das Igelgcschlecht, kugelige Geschöpfe mit 
Stacheln statt der Haare; Leib, steifer Hals und Kopf in einer Flucht; 
die Beine niedrig.  
Nehmen wir dann gleich das blutdürstige Wieselgeschlecht, um 
die Unterschiede hervorzuheben. Gegen die Maus ist der Körper 
besser gegliedert. Der Hals und der Kopf setzen sich ab. Die Beine 
sind kräftiger. Der Kopf ist nicht mehr so einförmig, rüsselig aus- 
laufend, wie bei all den vorhergenannten Thieren. Die Bewegungen 
sind" zierlich, wechselnd in Lauf und Sprung. S0 sind die Wieselarten, 
ganz abgesehen von ihren sonstigen Eigenschaften, ästhetisch bedeu- 
tender als die Mäuse; immer aber behalten sie etwas Unheimliches 
durch überlangen, dünnen Rumpf und kurze Beine. Sieerinnern in 
ihrer Form und in ihren Bewegungen an Schlangen, die auf kurze 
Füsse gestellt sind. 
Ein Nager, den Wieseln ähnlich an Form, ist das Eichhörnchen. 
An ihm jedoch ist der Unterschied zu sehen, den die Kürze seines 
Leibes bewirkt. Das Schlangenmässige ist dadurch aufgehoben. Possir- 
lieh wird es durch seinen grossen Schwanz. Dieser erscheint beim 
Laufen des Thierchens sehr barock, wird aber hübsch, wenn es sitzt. 
Das Eichhörnchen sitzt nämlich schräg aufgerichtet wie ein Vogel. 
Hier giebt ihm dann der wie beim Hühnervogel tinfgerichtete buschige 
Schwanz ein ästhetisches Gegengewicht, ja seitwärts angesehen auch 
den Anschein einer gewissen Symmetrie, einer Lyraform.
        

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