Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1179104
140 
Die 
Vegetation. 
Ei oder das Huhn zuerst komme. Aesthetisch am wohlgefälligsten ist 
meistens die Pflanze in der Blüthe. Noch wenige Einzelbemerkungen: 
Die Moose sind meistens niedlich, durch ihr ausdauerndes Grün 
erfreueud. Gräser machen den Eindruck der monotonen Vielheit. 
Dichtstehexid, auf grossen Räumen kann der Wind durch Wehen und 
Wogen einen den Wasserwellen ähnlichen Eindruck mit ihnen her- 
vorbringen. Die hoch und dicht stehenden Ackergräser. unsere 
Kornpflanzen, können durch ihre Fruchtbarkeit erfreuen, auch durch 
ihre Gleichmässigkeit dem mathematischen Sinn genügen, sind aber 
doch ästhetisch immer durch ihre Eintönigkeit unbefriedigend. Rohr 
erzeugt, in verstärkter Weise, trotz seiner Saftigkeit ähnlichen Ein- 
druck. Es ist ein ewiges Einerlei, eine monotone Vielheit. Wenn 
wir es nicht übersehen können, wird es, wie auch hohes Getreide. 
Jangweilig lähmend, ja beängstigend. Der kleine aber unzählig häufige 
Widerstand wirkt ermüdend. Ich will für das Getreide an die Korn- 
mulnne erinnern, die darin wohnt und Kinder ins Korn lockt, um sie 
zu tödten. Dabei ist ein für alle Mal zu bemerken, dass jeder Aber- 
glaube uns wichtigen, meistens sehr tiefsinnigen Aufschluss über die 
Aesthetik des Volkes giebt. Dies Korngespenst personitieirt aufs Er- 
greifendste das Lähmende, jede Richtung Aufhebende, Beängstigende 
solcher monotonen Vielheiten, wie das Getreide für die kleinen Kinder 
ist, die nicht darüber schauen können. Aus dem Aberglauben liesse 
sich eine interessante Aesthetik zusammenstellen. 
Unendlich viel wäre über die Blumen und Bäume zu sagen, doch 
muss hier auf die speciellen Werke (Schleiden, Humboldt, Batranek 
u. A.) verwiesen werden. Für die nähere Prüfung suche man immer 
die mathematischen, zu Grunde liegenden Formen, um wichtigen Auf- 
schluss zu erhalten. Bei den Bäumen z. B., wie schon oben bemerkt. 
die Winkel. Hängt der Zweig, bildet er also gegen den Stamm nach 
oben einen stumpfen Winkel, so ist der Eindruck anders als beim 
rechten oder spitzen Winkel. Der hängende Ast erscheint sclnvächer. 
ohne Kraft sich der ihm eigentlich angcwiesenen Richtung zum _Licht. 
zum Himmel empor zuzutvenden. Der (ladurch hervor-gebrachte Ein- 
druck ist leicht schwäehlich, trübe, melancholisch. Der Ast im rechten 
Winkel hat etwas Angespanntes. So sich zu tragen ist am schwersten. 
daher erscheint er stramm, kräftig. Wird der Winkel zu spitz, so 
sehen die Aeste aus, als ob sie sich nicht vom Stamme frei loszulöseu 
wagten; der Baum hat etwas Ruthenähnliches, hat keine rechte Frei- 
heit. Ferner kommt die Stellung und Befestigung des Blattes sehr in 
Betracht. Ist der Steugelf darauf es sitzt, zu kurz, so fehlt dem Blatt, 
Was einen weichen beweglichen Eindruck machen soll, leicht das 
Welche, Bewegliche. Es sitzt starr und steif da und wird unbeweg- 
llch- ISP der Stengel zu lang, so wird es zu hängend. zu Imruhig. 
Der gßrlhgste Windhattclt rührt es um. Wenn nun Zweige und Aeste
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.