Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178853
Tonwelt. 
Licht. 
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sausende dumpfe Schläge dazwischen  wir werden erdrückt; unsere 
Seele sinkt zusammen vor dieser Gewalt; Millionen von Schreckens- 
geistern scheinen entfesselt und Himmel und Erde ihrer Vernichtung 
anheimgegeben. Plötzlich Todtenstillel Die Stille wird dann das Maass. 
Danach ist die Wuth furchtbar, entsetzlich. 
Vergeblich wäre hier der Versuch, die Tonwelt im Allgemeinen 
anzupacken. Nehmen wir nur das Wasser. Das tropft, das plätschert, 
murmelt, gurgelt, bollert; das brodelt, singt, rauscht, braust, grollt, 
das brandet, tost und brüllt  eine Elluth von Tönen. Und alle die 
Empfindungen dazu!  Die Unruhe des kurzen Plätscherns, die Seelen- 
stimmung durch das Klingen und Singen, Steigen und Fallen eines 
Springbrniniens, die zehrende Energie im Sturz des Wasserfalles; das 
Wnchtige, Kräftige der langanrollenden Welle, des tiefaufrauschenden 
Meeres; der Drang und Kampf, der Zerfall in dem Brüllen der Brandung. 
Und wie nun das Lautwerden überhaupt schildern, das Summen, 
schwirren, Klappern, Tönen, Klingen, Singen, Schallen, Sansen, Grollen, 
Donnern n. s. w. vom Schwirren des Insects bis zum Krachen des 
Vulcans, vom Wispern des Grases bis zum Geheul des Stu-rmes. 
Luft und Erde erzeugen den Ton, wie Herder sagt. Der Vogel, 
das Kind beider Elemente, ist darum der Tonträger der Geschöpfe. 
Von der Erde empor, in den Zweigen sitzend, oder in den Lüften 
hängend, schmettert er sein Lied. In die Luft hebt sich sein Haupt, 
frei den Schall verbreitend. Das Wasser hat nur niedere Klangfühig- 
keit in sich. Es vibrirt zu langsam. So ist auch sein Reich stumm. 
Der Fisch kann höchstens einen schnalzenden Ton von sich geben. Der 
Schwan, der Segler der Wiegen, trägt schon dessen Fluch der Stumm- 
heit. Selbst das Vogelgeschlecht, das mehr als er Luft und Wasser 
Wechselt, hat keine schönen 'l'önc, sondern knärrt, schnattert, qnakt. 
Wie sollte es auch singen lernen am ewig gesprächigen und rauschen- 
den, tosenden Meer. 
Wenden wir uns zum Lieht. Es ist lüxistenzbedingilng. Ohne 
Licht kein Leben. Instinetiv begrüssen wir es daher mit reinem 
Wohlgefallen. YVir sind Lichtgeschöpfe, wie fast alle Thiere und 
Pflanzen, die wie wir schon im Dunkel verkommen, indem der Lebens- 
process darin gestört wird. Pflanzen z. B. verlieren ihPGrün und 
Werden farblos. 
Dunkel ist uns verhasst für die Lebensthatigkeit. Nur für ein re- 
latives Aufhören derselben im Schlaf ist gemindertes Licht uns ange- 
nehm. Aber die absolute Finsterniss, die Grabesnacht wird grässlich; 
Sie gähnt uns an wie ein Abgrund des Nichts, in dem unser Sein anf- 
hört. Wer je in einem unterirdischen Verliess war, oder in einer Höhle, 
wie etwa in der Baumannshöhle, der weiss, welches Schauergefühl uns 
beschleicht und das Herz umschauert, wenn die letzte Lampe ausge- 
löscht wird. Das Auge spannt sich an, einen, nur den schwächsten, 
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