Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178846
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Klang und 
Bewegung , 
Licht. 
darüber nervös. Schon das Ticken einer Uhr in der schweigenden 
Oede der Nacht kann uns dann aufathmen lassen, das Schlagen ferner 
Glocken, das Geschrei des Hahns, das Bellen eines Hundes. Es ist 
Leben, reisst uns aus dem Nichts. Wir sind nicht mehr allein, nicht 
mehr vom Schweigen des Todes umgeben. 
Dagegen ist nun ein starker Ton, dann Lärm u. s. w. anreizend, 
erregend. Wenn es auch blosser Lärm ist, so wirkt schon dieses 
Lautsein. Man kann das auf jedem Jahrmarkt bei den Schaubuden 
sehen. Je toller das Geschrei der Ausrufer, das Trommelgeivirbel, 
Lauten, Sehellenschlagen, das Brüllen der Thiere, desto ziufgeregter, 
begehrlichcr, wagender die Stimmung. Natürlich wirken diese niederen 
Erscheimmgeli des Tons nur auf die niedrigeren Seelen in vollster, 
wohlgefalliger Kraft. Für feiner organisirte Ohren ist solcher Lärm, 
alles Tosen und Schreien durcheinander, unangenehm. Das Ungeord- 
nete, Unharnionische kommt zur Geltung und unterdrückt die Freude 
am Ton für sich. 
Eintönigkeit ist, wenn wir unsere Ielauptbegriffc an die Tonwelt 
legen, hässlich, Verworrenheit desgleichen. Es ist dasselbe, wie das 
Gekritzel der Striche. Die erste freiere Ordnung ist der Tact. Er 
hebt die Einförmigkeit und ordnet zugleich. Wir gewinnen weiter den 
Rhythmus, indem wir einen Wechsel im Ausdruck, im Verstärken oder 
Abschwiichen, Aufsteigen oder Sinken des Tones erkennen oder ein- 
treten lassen. Harmonisch wird dann das Miteinander der Töne in 
ihrer Gesetzmässigkeit, melodisch ihr Nacheinander. 
Auch auf die Stimmen in der Natur lasst sich das Gesagte anwen- 
den. Langanhaltender, immer gleicher Ton wirkt langweilig, wenn 
nicht beängstigend oder widerwärtig hässlich. Im ersten Fall macht 
er uns einen ilnlebendigen Eindruck; bei dem zweiten Fall fühlen wir 
wohl, von Anderem abgesehen, unser natürliches Maass, das Anhalten 
des Tons durch die Stimme, so überschritten, dass uns der Athem 
darüber ausgehen würde; durch diese Silbstituirung unseres Ichs werden 
wir beklominen und beängstigt. Langweilig ist auch die ewig gleiche 
Wiederkehr, z. B. das Gezirp des Regenpfeifers. Uebcrmässige Kürze 
erscheint unruhig, zerrissen, unter Umständen zitternd, ängstlich. All- 
zustarkes Anschwellen und Abtönen macht den Eindruck des Maass- 
losen. Es kann danach hässlich erscheinen, wic das Widerstrebende 
der Töne hässlich wirkt, und furchtbar. Erscheinen die Töne für uns 
maasslos, aber erfüllen sie in sich Maassforderungen, so werden sie 
erhaben. S0 der lange rollende Donner. Der Donnerschlag ist furcht- 
bar. Ebenso kann man den Sturm nehmen: Lang anhaltende, gleiche 
Töne  Einförmigkeit, Langeweile, Traurigkeit, Beängstigung; nun 
plötzlich viele scharfe, kurze Stösse hintereinander  Unruhe, Zer- 
fallrenheit; nun Anschwellen, die Kraft wächst und wächst  noch 
höher, noch höher  wo hinaus? wo endet das? es heult, pfeift, schrillt,
        

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