Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178830
Bewegungsweise. 
Ton. 
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Eine einschlagende Kugel sehe ich nur an ihrer Wirkung; ästhetischer 
sind schon deswegen Stein, Pfeil und Lanze, weil bei ihrem Fliegen die 
Sichtbarkeit nicht aufhört und Ursache und Wirkung durch die Schuss- 
linie, die sie beschreiben, verbunden sind. Unsere Feuergewehre 
wirken ästhetisch nur durch den Knall, ausgenommen die Bomben und 
ganz schweren Wurfgeschosse, die man in der Luft verfolgen kann, 
und die namentlich bei Nacht mit ihren feurigen Linien von höchster 
ästhetischer Wirkung sein können.  
Wie wichtig der Einblick in die Bewegungsweise ist, zeigt die 
Betrachtung der Thiere. Gewohnt, besondere fortbewegende Organe 
zu gewahren, bekommen wir beim Anblick des Kriechens und Ringelns 
widerwartige Eindrücke. Die Schlange ist durch ihre Bewegung un- 
heimlich; die Maus läuft so schnell, dass wir die feinen, kurzen Beine 
nicht recht erkennen; auch sie wird dadurch unheimlich. Alles Durch- 
einanderkrabbeln wird hässlich; jedes schnelle Durcheinanderschiessen 
aufregend, beängstigend. 
Auch das Komische kann sich durch lllissverhältnisse in "der Be- 
wegung zeigen. Der Elsternflug hat etwas Komisches in seinem Schnel- 
len. Plumpheit, Schwerfälligkeit, Täppigkeit u. s. w. können hässlich, 
aber auch komisch erscheinen, wie aus dem früher darüber Auseinan- 
dergesetzten ersichtlich ist. 
Ich will hier bemerken, dass das bekannte Dictum Kantis über die 
freie und anhängende Schönheit erklärt ist, wenn man die freie Schön- 
heit als diejenige auffasst, welche nur nach den Grundprincipien, nament- 
lich auch der Bewegung, des Klanges und des Lichts beurtheilt, unserem 
Geschmacks entspricht. Kant will Zeichnungen a la Grecque, das Laub- 
werk zu Einfassungen oder auf Papiertapeten, viele Vögel, wie Colibri, 
Papagei, Paradiesvogel, dann das Phantasiren in der Musik freie Schön- 
heiten nennen, verfällt aber durch das Hereintragen des Ziveckbegrides 
in Widersprüche. Man kann aus seinen Beispielen ersehen, dass er die 
einfache Bewegung, das Klingen, das Licht oder die Farben an sich 
bei seiner Unterscheidung im Auge gehabt hat.  
Auch der Ton ist Leben. Der tönende Körper spricht- Zu 11115, V61" 
kündet, dass er nicht todt sei. Unsere Menschheit beruht, wie auf der 
Bewegung überhaupt, so auf dem Ton- und Lichtleben. Unsere Sym- 
pathie ist also damit verbunden. Das Wohlgefallen unserer Sinne und 
unserer Seele wird dem Tönenden zu Theil, sobald in den Klängen sich 
Gesetzmässigkeiten zeigen, die uns angeboren sind, Tact, Rhythmus, 
Harmonie, Melodie u. s. w. Darüber das Nähere in der Musik.  
Bleiben wir hier beim Einfachsten, so erfreut uns schon der Ton 
R11 sich. Nur nicht absolute Klanglosiglzeit! Nur keine Grabesstille! 
Sie wird für uns grauenhaft. In die fiCfStß Stille llilleill horchen wir, 
sie scheint ferne zu summen und zu singen. Aber vernehmen wir 
Nichts, so wird uns peinlich zu lliuth; unser Sinn wird öde, leer und 
Lcmckc, Ac-sthctik. 2. Aufl. S
        

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