Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178804
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Bewegung, 
Klang 
Licht. 
u n d 
empündungen empfangen wir bei 435 Billionen Schwingungen den 
Eindruck von Carminrotli. Von diesem ersten Roth der Regenbogen- 
farben bis zu deren äusserstem Violett liegt eine Seala von fast 
400 Billionen Schwingungen (821 Billionen Schwingungen). Ueber 
diese Grenze hinaus verschwinden die Farbenerscheinungen; electrisrhe 
und andere treten hervor. 
Wir haben es hier mit den ästhetischen Erscheinungen allein zu 
thnn, und sie nur in Bezug auf die Eindrücke zu untersuchen, welche 
unsere Sinne im gewöhnlichen Zustande (lurch sie empfinden. 
Wir beginnen mit der Bewegung. Was sich nicht bewegt gilt uns 
im gewissen Sinne für todt. Leben und Regen und Bewegen erscheinen 
identisch. Das Leben an sich erfüllt uns mit Freude, wie der Tod mit 
instinctivem Missfallen, mit Scheu, Furcht oder Hass. Die Bewegungs- 
losiglteit erfüllt uns darum leicht mit widerwilligen Em Jtindnngen, uräh- 
rend die Bewegung für sich schon anzieht. Ihr Wechsel erzeugt auch 
im Geiste ein Hin und Her, eine Bewegungsfreude, eine geistige Warme, 
möchte man sagen. Bis zum Spiel der 'i'hiere kann man dieses Wohl- 
gefallen verfolgen  mit indischer Naturbetrachtuug_ liesse sich das 
Windeswallen des Baumes und das Wogen der Welle ähnlich anschauen. 
Nicht blos das Kind hat seine Freude am Bewegten; auch das Spiel 
der 'l'hiere bezieht sich oft darauf; ein Körper rollt, schwankt, lauft, 
iiiegt und sie sehen, eilen ihm nach, fangen, haschen, ergötzen sich 
daran. 
Wir können die Linie als Ausdruck der Bewegung ansehen. Der 
Punkt ist für sich gleichsam todt. Bewegt man ihn, so giebt seine Be- 
wegung eine Linie, die für sich schon als Lebensausdruck erscheinen 
und erfreuend wirken kann. ich kann eine Linie auf und ab verfolgen 
und mich der Regungslosiglteit bei ihr entreissen. Dann aber kann nun 
die Linie auch schon viele Sehönheitsbedingungen höherer Art erfüllen. 
Sie kann Einheit und Mannigfaltigkeit, Wechsel und Rhythmus, Freiheit 
und Ordnung in der Bewegung, dann ihren Charakter scharf und rein 
ausgeprägt zeigen u. s. w. Die Gerade kann Wohlgefallen erregen, weil 
sie wahrhaft gerade ist. Erscheint sie mir einförmig, so wird sie lang- 
weilig, aber dafür kann die gebrochene oder die Bog-enlinie die reichste 
Mannigfaltigkeit, bis zur Willkür, bringen. Die verschiedensten Gesetze 
können an der Linie sich zeigen, alle nach Maass, resp. nach Freiheit 
und Zwang zu beurtheilen. Die in sich zurüclrkelireude Kreislinie ist 
ein von der starrsten Einheit beherrschter Wechsel, wohlgefällig. 
aber auch wieder zwängend, gleich der geraden dadurch der mehr ge- 
bundenen Schöpfung angehörend. Willkür-lieh wird das Gekritzel. Sein 
wirres, wüstes Durcheinander erscheint hässlich, wofür man nur eine 
Verkritzelting von Kindern mit einer rein ausgeführten Figur des 
Lineals und Cirkels zu vergleichen braucht. Ferner kann man Regel- 
mässigkeit, Symmetrie, Proportion, Rhythmus oder Eurhythmie, durch
        

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