Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178721
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Das Komische. 
indem er aus der einen in eine andere, am liebsten in die entgegen- 
gesetzteste hinübergleitet, ohne dass man recht gewahr wird, wie er die 
eine verlasst und in die andere geräth. Die lachende Tlln-äne im Auge 
ist, wie Jean Paul sagt, sein Symbol. Er wirkt komisch durch diese 
Contraste und Verschiebungen. Er zeigt uns 'l'rauriges; plötzlich 
lächelt es durch Thranen; gleich darauf lacht es; wie wir uns ver- 
wundert fragen, wie dics zugegangen, sehen wir Lachen und Weinen 
verschwunden, starre Verzweiflung steht vor uns. S0 wechselt Hoch 
und Niedrig, Gemeines, Erhabenes, Schönes, Hassliches, Stärke, 
Schwäche; der Humor ist ein Kaleidoscop der Empfindungen, das mit 
jeder Drehung andere Bilder zeigt.  
Er unterscheidet sich dabei vom Witz, dass er nicht so schnell 
zersetzend wirkt. Er hat nicht das 'l'reffende, nicht die pointirte 
Scharfe. Der Witz setzt Eins gegen das Andere, dass beide fallen; der 
Humor drückt Eins ins Andere, bis das Grosse nicht mehr zu gross, 
das Kleine nicht mehr zu klein ist. Die Feinfühligkeit des Witzes, 
Aehnlichkeiten im Unahnlichen zu finden, sowie überhaupt das Komische 
muss ihm zur Grundlage dienen. Doch bedarf er eines grösseren Um- 
fanges, des Verständnisses für mehr Empfindungen, als der Witz, hat 
aber weder die Schlagfertigkeit, noch die Schärfe desselben nöthig. 
Humor mit den Raketen des Witzcs dazwischen ist eine wunder- 
bare Macht. Dabei ist er an sich milder und positiver als Witz, so 
lange er nicht in Sareasmus übergeht, in den er sich gern verwandelt. 
Wenn der Witz Scharfsinn für das Aehnliche im Unähixlichen voraus- 
setzt, so zeugt der Humor von grosser Geistesfreiheit und Beherrschung 
der Empfindungen. Keine lasst er solche Gewalt über sich gewinnen, 
dass er mit fortgerisseii würde, sondern in dem Augenblicke, wo wir 
denken, dass das Pathos, das überwältigende. Gefühl ihn erfasst, in 
demselben Augenblicke macht .er einen Haken und eilt in entgegen- 
gesetzter Richtung davon. Der Humor ist der Hase, hinter dem der 
llund Pathos jagt. Bei echtem Ilumor überschlägt es sich deswegen 
wohl so komisch wie der tmgeübte Windhund. Unsere Augen füllen 
sich mit Thräxien, unsere Lippen zittern, unser Herz bebt  was bleibt 
übrig, als über den Jammer laut zu weinen, den uns der Humor zeigt! 
plötzlich stehen wir da und schauen uns wie albern um: der Gegen- 
stand der 'l'rauer ist verschwunden  der verhungerte Knabe mit den 
bleichen, bleichen Wangen; hinter uns pfeift und lacht er als unge- 
zogener Bettelbub, der seine Zunge gegen uns in die Backen schiebeud 
davontrollt. 
Guter Humor ist ein herrlich Ding. Er zeugt von Kraft, Freiheit, 
Beherrschung der Empfindung oder des Stoffs. Er ist je nach seiner 
Aufgabe ernst und heiter; nun streng, nun Inilde; jetzt dämpft er unser 
tibermassiges, verblendetes Exitzüclten, jetzt hebt er unseren nieder- 
gcschlagenen Muth; hier zeigt er das Uebermenschliche menschlich,
        

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