Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178677
Das Niedrig-Komische. 
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sichtigen pflegt. Rohere Zeiten sind auch darin nicht zartfühlend; 
verkrüppelte Narren z. B. erscheinen ihnen stets komisch. Dasselbe 
gilt von den Kindern und Ungebildeten der aufgeklarteren Zeitalter. 
Auch das Böse wollen wir anführen, das in seiner Lust zu schaden 
betrogen und unschädlich gezeigt wird. Der dumme geprellte 'l"eufel 
ist z. B. ein beliebtes Sujet der Komik. Hier ist die Dummheit der 
Gegensatz zu der bösen Absicht, der wir eigentlich Schlauheit zuzu- 
schreiben pllegen, durch welche Dummheit dann das Böse nichtig ge- 
macht wird und uns dadurch höchst lächerlich erscheint. 
Das Reich des Komischen ist, wie man sieht, gross, und hat viele 
Provinzen. Wir wollen nur noch einzelne oft genannte zusammen- 
gehörige Gruppen daraus hervorheben. , 
Zuerst das Gebiet des Niedrig-Komischen, den gewöhnlichsten 
Schauplatz der Volksfreutle. Alles, was zum Niedrigen gerechnet wer- 
den kan  das Unanstantlige, Bäurische, Tölpelhafte, Plumpe u. s. W. 
gehört däiin; ferner auch Alles, was ins Hässliche hineingreift, wie 
das Verwaehsene, das Entstellte überhaupt. Vor allem Andern macht 
sich hierbei das Animalische des Menschen gegenüber seinem geistigen 
Aufstreben und dessen Geboten geltend. Das Thierische unserer Natur 
wird in Gegensatz zu den höheren Anforderungen des Lebens gesetzt 
und dadurch entsteht ein lächerlicher Widerspruch. Ja, nicht nur das 
Thierische des Menschen, sondern das Thier selbst wird unter diesem 
Gesichtspunkt aufgefasst; seine Befriedigung der Bedürfnisse z. B. 
erscheint komisch durch das Anlegen des Maasses menschlicher Wohl- 
anständigkeit, was uns namentlich da geläufig ist, wo das Thier durch 
den Umgang mit dem Menschen gehoben erscheint und eine Art An- 
standigkeit bei ihm vorausgesetzt wird. Je höher dabei die Anforde- 
rungen des sogenannten Anstands oder der guten Sitte gestellt sind, 
desto komischer, freilich nur in niederer Art, der Gegensatz.  
Nehmen wir ein recht niederes. Wenn ein Bauer, der über Natür- 
liches natürlich denkt, einen Hund führt, der eine Nothdurft befrie- 
digen muss, so wird das mehr unanständig als komisch sein, weil der 
Gegensatz nicht besonders offenbar wird. Wenn aber einem geputzten 
Herren oder einer Dame mit ihrem Hunde dasselbe begegnet, S0 macht 
das einen sehr niedrig-komischen Eindruck. Der Widerspruch des 
Anständigen und Unanstandigen tritt so schlagend hervor; 1138 Natur- 
bedüifniss überträgt sich imwilllzürlich auf die Person und macht sich 
da trotz Wohlgezogenheit und Etiquette so geltend, daSS Alles zer- 
sprengt wird und nichts als Lachen über die Nichtigkeit überbleibt, 
die aus diesen Widersprüchen hervorspringt. Je fremder das Thier 
dem Menschen steht, desto schwächer die Vergleichung und desto ge- 
ringer der Wliclerspruch. Je näher und verbundener, desto komischer. 
Das Pferd vor dem Wagen macht in ähnlichen ltällen einen weniger 
lächerlichen Eindruck, als das Pferd des Reiters. Am schlimmsten 
Lemcke, Aesthetik. 2. Aufl.  7
        

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