Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178657
Komische. 
Das 
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Phantasie genug haben, sich die Schranken hinwegzudenken, oder 
nicht stolz genug sind, einen gefesselten Gegner nicht zu plagen. Die 
Menge, die solche Bedenken nicht kennt, findet den grössten Spass, 
ganz zu gesehweigen, wenn der Fall sich mit einem Geschöpfe ereignet, 
vor dem sie keinen Respect hat. Denn wenn für das Edlere sich eher 
Grossinuth oder Bedauern regt, so findet das weniger Geaehtete Seltener 
Mitleid. Das Volk ist nicht zufrieden, bisees den Affen in unschäd- 
licher Wuth sieht, und er die Zähne iletschend, den Käfig rüttelnd, wie 
toll umherspringt. Je wüthender er sich geberdet, desto herrlicher 
erscheint der Spass Der Ohnmacht des gereizten, aber gehemmten 
Starken entspricht die Ohnmacht des gereiztcn und freien Schwachen. 
Einen bösen Kettenhund in Ruhe zu lassen, ist Vielen ganz unmöglich, 
ein wildes Thier zu plagen, ist den Meisten Genuss; einen schwachen 
Menschen zornig zu machen, gilt als ein herrliches Gaudiuni, nament- 
lich den unentwickelten Gemüthern, also Kindern und Ungebildeten. 
Der sich offenbarende Gegensatz reizt sie unwiderstehlich zum Lachen. 
Um ein Beispiel für den Umschlag des Grausigen zu haben, denke 
man an die Schlussscene in Don Juan von Byron. Das Gespenst des 
grauen Mönches schleicht dort in Don Juans Zimmer. Furcht und 
Entsetzen sträubt Juans Haare und raubt ihm den Athem. In der 
Schaam über seine feige Schwäche dringt er auf das Gespenst ein, 
greift und  greift die mondbeglanzte Mauer; gransend fasst er wieder 
danach; da fällt die Kutte des gespenstigen ivlönchs und 
YVeib. 
Oifenbart den üppigen süssen Leib 
Von der Fitz Fulke, dem wonnig holden 
Das ist ein Umschlag, der unwiderstehlich komisch wird, komisch 
wie alle sich ins Gewöhnliche auflösenden Gespenstergeschichten, die 
keinen üblen Ausgang haben. 
Das Ilässliche ist eine schlimme Disharmonie. Aber wie komisch 
kann auch das Hässliche werden! Zuerst die Erscheinung, dass das 
Hässliche so häufig von Ungebildeten für komisch erachtet wird, in- 
dem sie den Schadexi nicht beachten, den das Hässliche dem bringt, 
an dem es sich zeigt, auch nicht das Hässliche an sich betrachten und 
dadurch mit Widerwillen erfüllt werden, sondern es in Gegensatz mit 
dem setzen, dem es eigentlich gleichen sollte, dem Wohlgebildeteil 
oder dem Schönen. Dann wird nur dieser Widerspruch empfunden. 
Jede Verbildung wird daher von der grossen Menge, den Kindern 
natürlich voran, häufiger verlacht als bedauert. Aber auch der Gebil- 
dete, der sich leichter in die Lage des Verunstalteteu versetzt, wird 
sich des komischen Eindrucks nicht erwehren können, wenn er be- 
merkt, dass der Hässliche sich für schön hält, wenn der Verwachsene 
Z- B. sich als einen Herzensräuber- betrachtet. Der Widerspruch der 
Wirklichkeit und solcher Einbildung ist so schlagend, dass er unwider-
        

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