Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178613
Das 
Tfragische. 
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nur nicht jedes Verbrechen, nicht jede Sünde. Doch müssen wir hier 
das Einzelne dem Einzelnen überlassen. Natürlich ist auch hierbei der 
Zufall, das Unzusannnenhängende, die einmalige Uehereilung, Unzu- 
rechnungsfähigkeit u. dcrgl. ausgeschlossen; nur was aus dem ganzen 
Charakter hervorgeht, ist stichhaltig. Hatte der weise Nester die 
Schafe in einem Anfall von Raserei hingemetzelt, so wäre daraus kein 
Moment für das Tragische zu ziehen, aber Ajas wird in seinem lloch- 
muth und beleidigteu Stolz der Schlächter, aus dessen That die ver- 
brecherische Absicht hervorleuchtet; das ist keine Uebereilung, kein 
Zufall, keine blinde Unzurechnungsfahigkeit mehr. 
Zur Schuld hinüber steht, wie schon im letzten Beispiel sich zeigt, 
die Leidenschaft und alles Uebergreifen über sich selbst. Durch Beides 
verletzt der Einzelne und ruft den Gegenkampf der Verletzten und An- 
gegriffenen hervor. Das Recht einer Persönlichkeit geht bis zu einem 
gewissen Punkte; über diesen hinaus wird es zum Unrecht. Auch das 
Grosse, Bedeutende hat sein Maass einzuhalten; sonst ruft es andere 
Gewalten auf, sich dagegen zu verbinden und zu schützen; und in sich 
selber hat es dann das eigne lilaass verloren; vorher stand es auf festen 
Füssen; jetzt hat es sich auf die Zehen erhoben, um über sich zu 
greifen; ein Stoss, und da es sich am höchsten dünkte, liegt es am 
Boden. 
Aehnliche Gesetze bei dem Rührenden und Traurigen; auch auf 
das Schaurige lässt sich das Gesagte leicht anwenden. Wenn das 
Rührstück und das einfache Trauerstück nicht tragisch genannt wird, 
so ist doch selbstverständlich, dass seine Stimmung nicht für die 
Tragödie ausgeschlossen ist. Schon das einfache Gebot der Ab- 
wechselung fordert, dass eine Vielheit von Personen nicht tragisch zu 
Grunde gehen dürfe, sie müsste denn als ein Collectivbegrilf erscheinen; 
schon _die verlangte Verschiedenheit der vom unglücklichen Ende be- 
trotfenen Personen zielt dahin. Wir werden also in der Tragödie nicht 
blos Tragisches, sondern auch Schreckliches, Trauriges, Riihrendes 
sehen dürfen, ja haulig verlangen müssen. Man denke an König Lear 
und die Versehiedenartigkeit des Ausgangs: Tod der absolut Schlechten 
und Befriedigung; Tod Edmunds und Bedauern, dass solche Kraft ins 
Böse verkehrt worden; des treuen Narren Tod; dann Cordelia, Lear. 
Man denke an Hamlet, Ophelia, Königin, König, Laertes, Polonius. 
Ueber das Rührstück, Traucrstück und Schauerstüclz können wir 
uns hier nicht verbreiten. Es mag die einfache Bemerkung hinreichen, 
dass das nur Ruhr-ende und Traurige uns auflöst, uns gleichsam 
schwach, widerstandslos macht.   
„Auch das Schöne muss sterben, das Menschen und Götter be- 
zwingetl" das macht weinen; die Harmonie erstirbt darin in Seufzern. 
Siehe, da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, 
Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.
        

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