Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178597
Das Tragische. 
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gemacht, aber er ist unzureichend. Die Ursache des Todes bleibt zu 
klein durch die einzelnen Persönlichkeiten, um das Verderben des 
Grösseren tragisch zu machen. Aber König Attila stirbt an einem Blut- 
sturz in der Brautnacht mit einer jungen, neuvermahlten Gattin. Nun 
wird diese Gattin zur lilörderin gemacht  cr hat ihr den Vater, die 
Brüder getödet. Hier ist der Zufall tragisch geliehen. Es ist die 
Gattin, nicht ein feindliches Weib oder ein feindlicher Bogenschütz. 
Es ist die Gattin gegen den Gatten, eine Königin gegen einen König 
gesetzt. Dass Moreau durch eine Kanonenkugel fallt, ist ein blinder 
Zufall; dass er durch einen der ersten Schüsse fallt, da er auf das 
Schlachtfeld gegen seine Landsleute kommt, erscheint nicht mehr als 
ein solcher. Ein bekanntes Beispiel giebt uns das Schicksal Fiescos 
Fiesco empört sich gegen Doria und siegt. Er will eine Galeere im 
Hafen besteigen, gleitet auf dem hinüberfiilirenden Brette aus, fallt ins 
Wasser und ertrinkt. Das war ein zufälliges Ende. Schiller suchte 
diesen Zufall auszumerzen, indem er die Figur des Verrina schuf, der 
Fiesco ins Wasser schleudert, da er sieht, dass derselbe nicht Genuafs 
Freiheit, sondern nur die eigne Herrschaft bezweckt. Ich sagte schon, 
dass Verrina, der einzelne Mann ohne ein halbes Genua oder ganz 
Genua hinter sich, gegen Fiesco kein richtiges Gegengewicht abgeben 
kann; der Stoss von hinterrücks, der Fiesco aus Sieg und Leben wirft, 
ist missfallig. Nur Verrina hat etwas Tragisches dadurch, dass er den 
Liebling tödten muss, auf den er so grosse Hoffnungen gesetzt hat. 
Das ganz Gewöhnliche ist an und für sich schon vom Tragischen 
ausgeschlossen. Wenn ein Erhabenes auf gewöhnlichem Wege zu 
Grunde geht  dass ein Mensch stirbt, wenn er alt ist, ein Bau von 
der Zeit verwittert und zusammenfallt u. s. w.  so ist das ganz wahr- 
heitsgemäss, mag auch höchst bedauerlich sein, wird aber nur unter 
besonderen Umständen tragisch erscheinen. 
Es ist ein alter, schon von Aristoteles aufgestellter Satz, dass für 
das Tragische nicht durchaus tadellose Charaktere verwandt werden 
sollen.  Sehen wir das ganz Reine in tragischem Ausgang enden, so 
wird das Gefühl des Unwillens uns leicht übermannen und mit einer 
Bitterkeit und Verletzung, mit einem Verdruss gegen das Feindliche 
erfüllen, der die Harmonie, irelehe jedes Kunstwerk geben soll, voll- 
ständig zerreissen oder gar nicht aufkommen lassen würde. Statt mit 
einer Versöhnung in unserem Gemüthe, endet Alles in schrillen Disso- 
nanzen. ilVir werden bei der Tragödie hierauf zurückkommen; seilen 
jetzt kann man daraus ersehen, dass das reine_Mä.rtyrerthum hiedurch 
von ihr ausgeschlossen ist. 
Es ist klar, dass bei einem Kampfe gegen eine fremde Macht 
nichts verderblicher wirkt, als wenn ein innerer Zwiespalt hinzukommt 
und die Kräfte gegeneinander wiithen, die zum Zusammenwirken be- 
stimmt sind. Solchen Zwiespalt giebt die Schuld; das Gewissen ist ihr
        

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