Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178571
Dgs Tragische. 
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weil wir in Achill den gleichen Kämpfer nicht ganz vergessen können, 
vorzugsweise 'l'rauer und Mitleiden erweckend. 
Mit ganzer Wucht wirkt die dahinschmetternde Macht, die das 
Erhabene stürzt, wenn sie geradezu das Höchste reprasentirt. 
Wenn die Gottheit oder das Schicksal das Erhabene trifft und 
dieses nun im Kampfe zusammenbrieht, dann empfinden wir Furcht 
und Mitleideil der stärksten Art. So in der griechischen dlragödie. 
Dasselbe haben wir uns im Laokoon zu denken, indem wir sonst bei 
der Betrachtung dieses Unterliegens durch zwei Bestien nur etwas Ent- 
setzliches empfinden würden. Dabei (larf man aber nie vergessen, dass 
nicht jedes Stürzen durch eine derartige Macht des Schicksals oder als 
der Gottheit aufgefasst, tragisch ist. Der hinschmetternde Blitz, der 
den Kapaneus trifft, macht dessen Ende nicht tragisch. Auch Christus, 
der in Gott ergeben das IIaupt neigt und das Schreckliche des Todes 
über sich ergehen lässt, ist ilieht tragisch, sondern erfüllt uns nur 
mit der tiefsten Mitleidensehaft und 'l'rauer. Nur im Kampfe, welcher 
Art derselbe auch sei, entzündet sich das tragische Element. Er- 
gebung in ein Unvermeidliehes ist nur traurig. Gegen eine Krank- 
heit ringen und sie zu bezwingen suchen, kann tragisch sein; dass 
aber Jemand an einer Krankeit stirbt, hat noch gar kein tragisches 
Moment in sich. 
Aehnlich wie diese höchste (lenkbare Gewalt können andere auf 
tieferen Stufen erscheinen. Wenn wir die vielhundertjahrigc, erhabene 
Eiche von der Menschenhand gestürzt sehen, dann haben wir eine 
tragische Empfindung. Was hilft ihr die Starke! Die Axt dringt in sie 
hinein und wie mit mächtigen Armen verzweiflungsvoll in den Himmel 
greifend, schwankt sie und stürzt sie vor den übermächtigen Gewalten. 
lflätte ein anderer Baum sie im Sturz zerschlagen und niedergeworfen, 
so empfanden wir kein derartiges Gefühl; es hätte nur ein Baum den 
anderen nmgeworfen. Die verschiedenen Arten derartiger, das Er- 
habene besiegender Gewalten sind natürlich nicht aufzuzahlen. 
Eine andere, jede einzelne erhabene Kraft besiegende Gewalt kann 
aus einer Summe sich verbindender Kräfte entstehen. Nehmen wir den 
gewaltigsten Mensehengeist und lassen wir gegen ihn die vereinigten 
Kräfte der Gesellschaft, des Stammes, des Volkes wirken. Wie stark 
und fest er sein mag, so wird er unter dieser Wucht ermatten und er- 
liegen müssen, so gut geistig wie körperlich. Ein Uoniiict also mit 
seinem Stande oder den Anschauungen der Zeit wirkt mit tragischer, 
verhängnissvoller hlacht. Romeo und Jnlie enden tragisch, nicht blos, 
weil gegen sie das Schicksal im Gewande des Zufalls auftritt, nachdem 
sie ihm durch Leidenschaft die Macht gegeben, 801156111 auch, weil sie 
gegen Familien- und Staatsordnung in ihrer Alles irergessenden Liebe 
kämpfen. S0 stark ihre Liebe ist  Sie 11311811 ÄllßS gegen sich, Alles! 
Und sie müssen unterliegen.
        

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