Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1176691
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Historische Einleitung. 
Gedanken der Liebe, also doch eines zärtlichen Verhältnisses der 
Geschlechter, aber gereinigt von Allem, was es vorwurfsvoll oder 
bedenklich machen könnte, ins Auge zu fassen, ihn sogar als das 
Edelste und Herrlichste zu preisen, das war eine für die italienische 
Phantasie unendlich anziehende Aufgabe, eine feine Schwelgerei, der 
man sich ohne Gefahr hingeben zu können glaubte. Dass dies denn 
doch seine Nachtheile habe, dass jene Gedanken denn doch sehr un- 
bestimmte und abstracte seien, die bei dem Versuche ihrer Verwirk- 
lichung leicht in ihr Gegentheil umschlagen könnten, dass selbst im 
günstigsten Ifalle die anhaltende Beschäftigung mit solchen, gesunder 
Lebenskraft entleerten Vorstellungen das Gemüth verweichlichen 
müsse, bemerkte man nicht, oder wollte es doch nicht eingestehen. 
Man hat oft die Frage aufgeworfen, wie es zu erklären, dass 
die italienische Literatur in diesem ihrem goldenen Zeitalter kein 
einziges bedeutendes dramatisches Werk hervorgebracht habe. Die 
Ursache liegt ohne Zweifel in dem Individualismus, in dem die Nation 
von ihrem ersten geistigen Auftreten an befangen war und sich immer 
mehr bestärkte. Das wahre, ergreifende Drama setzt eine feste, 
sittliche Basis voraus, die Existenz sittlicher Gesetze, deren Be- 
grenzung und deren Verhaltniss zur menschlichen Freiheit zwar 
dunkel und daher Gegenstand des Zweifels werden kann, deren Ver- 
letzung aber nicht ungestraft bleiben darf. Die Italiener dieser Zeit 
hatten solche sittliche Basis nicht mehr. Indem sie sich in die 
Wiederbelebung des Alterthums hinein geträumt und die Frivolitat 
des früheren und die Abstractionen des späteren Humanismus durch- 
gemacht hatten, hatten sie allmälig den sittlichen Boden des Christen- 
thums verloren, ohne auf dem der antiken Welt festen Fuss fassen 
zu können. Die politischen Schicksale, denen das Land unterlag, 
die Kämpfe der Fremden auf italienischem Boden und die bleibende 
Herrschaft derselben in einigen Provinzen, hatten für jetzt noch 
keinesweges einen so bedeutenden Einfluss auf die geistige Richtung, 
wie man glauben sollte. Es waren sogar Vortheile mit diesem Un- 
glück verbunden. Der Gesichtskreis wurde erweitert; man war nicht 
mehr so ausschliesslich auf die elenden Intriguen von Condottieren 
und kleinen Tyrannen hingewiesen, musste, schon um der Gefahr 
völliger Unterwerfung vorzubeugen, die Welthandel, die Politik der 
grossen Mächte im Auge behalten. Der italienische Patriotismus 
war verletzt, in gewissem Grade gedemüthigt, aber doch auch an- 
gefegt, wach gerufen. Die Nationalliteratur gewann dadurch eine 
grössere Bedeutung; es war nicht mehr die Zeit, sich ganz den 
Träumen von antiker Grösse hinzugeben. Man hatte Ursache, nach-
        

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