Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1176562
Romantische Poesie. 
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indem er das Thema zu seinem "Morgante maggiore" aus dem in 
Italien so sehr beliebten Sagenkreise der Paladine Carls des Grossen 
entlehnte, aus dem dann auch gleichzeitig oder sehr bald darauf der 
Graf Bojardo, am Hofe der Este in Ferrara, den Stoff zu seinem 
"Orlando innamorato" entnahm, der dann endlich einige Jahre später 
durch Ariost fortgesetzt und weit übertroffen ward. Der Ton in allen 
diesen Gedichten ist wesentlich derselbe. Von einem schwärmerischen 
Hinaufsehen zu jenen ritterlichen Helden, wie es in den anderen 
Ländern noch vorkam, ist hier keine Spur; aber ebenso wenig von 
einem gegen solche thörichte Vorliebe gerichteten tief einschneiden- 
den Spotte, wie im Don Quixote. Die Dichtung war keinesweges 
zunächst für den Druck bestimmt, sondern zum Vorlesen in festlichen 
Kreisen. Der Zweck war also vorherrschend fderieiner leichten ge- 
selligen. Unterhaltung, bei der man um so lieber die bunten, phan- 
tastischen Abenteuer und Wunder der Ritterromane zum Grunde 
legte, weil sie den Vortheil boten, an Situationen und Gestalten an- 
zuknüpfen, welche den Zuhörern bereits bekannt waren. Es war 
auch dabei etwas von Reaction gegen die Humanisten, deren latei- 
nische Verse und Reden eine Zeitlang jene beliebte Lectüre verdrängt 
hatten. Aber zugleich war man doch über den Standpunkt jener 
Ritterromane hinaus, wollte sich ihnen nicht mehr mit unbedingter 
Glaubigkeit unterordnen, sondern Neues und Eigenes hinzufügen, 
Novellen, scharfsinnige Allegorien, mythologische Gestalten einmischen, 
tiberhaupt auf der Höhe der Bildung stehen und auf das, was man 
den humanistischen Studien verdankte, keinesweges verzichten. Daher 
brauchte man es denn auch mit jenen phantastischen Ueberlieferun- 
gen gar nicht genau zu nehmen; es kam nicht  sie 
buchstäbliclifiwmahir seien. Es hatte einen Reiz, den Eingeweihten und 
Zweifelnden zuzulächeln; man gewann durch diese ironische Haltung 
den grossen Vortheil, dass man das Abenteuerliche und Wunderliche 
noch immer mehr übertreiben konnte, den Vorwurf des Unwahr- 
scheinlichen ga.r nicht zu fürchten brauchte. Man konnte dann auch 
leichter pikante Anspielungen oder auch Schmeicheleien, die zu stark 
waren, um ernsthaft ausgesprochen zu werdenfdarin anbringen; die 
Ironie gab immer einen Ausweg, man liess es dahin gestellt, was 
eigentlich damit gemeint sei. Es war eben der Ton leichter Con- 
Vgygatiql], bei welcher es weniger auf den Gegenstand," "als auf die 
Art des Vortrages, auf Verstand, Gewandtheit, Grazie ankommt, und 
deren Hauptreiz darin besteht, dass Nichts erschöpft wird, dass die 
Person immer über der Sache steht; die künstlerische Ausbildung 
dieses Talentes war recht eigentlich die Aufgabe dieser Gattung.
        

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