Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1176262
Malerei in Sachsen. 
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sächsischen Kunstweise an. Das umfangreiche Werk, Welches VQn 
einem Bürger dieser Stadt im Jahre 1472 zum Andenken an eine 
Hungersnoth gestiftet und, weil zum Aufhängen während der Passions- 
zeit bestimmt, auf Leinwand in Leimfarben gemalt ist, enthält in 
108 Bildern die ganze Heilsgeschichte alten und neuen Testaments 
mit liebenswürdiger Naivetät und Schönheitsgefühl dargestellt, aber 
zugleich in einem so alterthümlichen Style, dass man an die altere 
kölnische Schule erinnert wirdl). Selbst die Wandgemälde im Kreiiz- 
gange des ehem. Dominicanerklosters, jetzigen Paulinumü) zu Leipzig, 
obgleich zufolge der Costüme und der erstrebten dramatischen Le- 
bendigkeit erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstanden, haben 
noch in vielen Beziehungen einen alterthümlichen Charakter. 
Dagegen lernen wir auf einem Flügelbilde des Domes zu 
Meissen, das etwa um 1480 entstanden sein mag, einen deutschen 
Künstler ersten Ranges kennen, der augenscheinlich flandrische Kunst 
studirt, aber sich ihr keineswegs, wie etwa Friedrich Herlena), un- 
bedingt hingegeben, sondern selbstständig nach etwas Höherem ge- 
strebt hat. Die Mitteltafel enthält die Anbetung der Könige, aber 
in sehr eigenthümlicher Auffassung, bloss Maria mit dem Kinde und 
vor ihr, theils knieend, theils stehend, die drei Magier, aber ohne 
alles Gefolge; jeder der Flügel zwei Apostel, die beiden Jacobus, 
der ältere mit Bartholomäus, der jüngere mit Philippus, alles bei- 
nahe lebensgrosse Figuren, welche den Raum genügend, aber ohne 
Ueberladuug füllen. Sein Raumgefühl hat sich an den Niederländern 
gebildet, die Anordnung der Gruppe des Mittelbildes ist der, welche 
sich bei ihnen findet, verwandt, aber er unterscheidet sich von ihnen 
dadurch, dass er die Figuren mehr ausbildet, den geistigen Inhalt 
mehr betont. Das Beiwerk der Geschenke ist daher sehr massig, 
die Landschaft, auf die man zwischen hohen Mauern blickt, ziemlich 
unscheinbar, die Gestalten aber alle höchst sprechend und mit be- 
1) Dr. H. W. Schulz, Führer durch das Museum des K. Sachs. Vereins zur 
Erforschung und Erhaltung vaterland. Alterthümer etc., Dresden 1852, S. 31.  
Passavant in v. Quast, Zeitschrift, I, 244. 
2) Beschreibung und Abbildungen im D. Kunstbl., 1850, S. 388. 
3) Dass Hirt, Reisebemerkungen (1830), S. 22, diesem das Bild zuschreiben 
will, erklärt sich nur aus einem Mangel an Verstandniss altdeutscher Kunst. 
Die Richtung sowohl, als die Technik beider Meister ist eine ganz andere, wie 
dies schon Hotho, Gesch. d. deutschen u. niederl. Malerei, II, 230, bemerkt hat, 
Die Vermuthung Hirtls, dass der knieende, bartlose König, der allerdings augen- 
seheinlieh Porträt ist, den Herzog Sigismund von Sachsen darstelle, der 1475 als 
Bischof von Würzburg starb, scheitert daran, dass die Tracht dieses Königs keines- 
weges, wie er meinte. eine geistliche ist.  
Schnaase's Kunstgesch. VIII. 33
        

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