Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1175168
Schongauer. 
Martin 
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ohne Zweifel die Ayssentlügel, haben aber auch auf der Rückseite 
Gemälde und zwar in. Tempera; sie sindizum Theil zwar leicht, aber 
auch geistreicher ausgeführt, mit einem feineren Gefühl für Schön- 
heit und Anmuth und haben weniger durch Uebermalung gelitten. 
Sie beginnen mit der bekannten mystischen Form der Verkündigung, 
wo der _Engel Gabriel als Jäger das Einhorn verfolgt, das sich im 
Scliöosse der Jungfrau birgt, geben dann die Kindheitsgeschichte Christi 
und schliessen mit einer vorzüglich schönen Darstellung der Krönung 
der Jungfrau 1). 
Höchst bedeutend ist endlich ein anderes Bild derselben Samm- 
lung, eine Pietas, Maria mit dem Leichnam Christi auf ihrem Schoosse, 
ein Drittel in Lebensgrösse auf Goldgrund. Der Leichnam Christi 
ist allerdings steif und mangelhaft, aber das Antlitz derbmütterlich 
gehaltenen Jungfrau, mit den herabgefallenen grossen Thranen auf 
ihrer Wange, ist so schön, so seelenvoll, so schmerzdurchdrungen, 
dass das Bild zu dem Anziehendsten und Ergreifendsten gehört, was 
die damalige christliche Kunst geleistet hatg). Es wurde daher auch 
von den ersten Berichterstattern über diese Sammlung als ein un- 
zweifelhaftes, ja als das einzige authentische Bild unseres Meisters in 
derselben betrachtetß). Allein in der That gehört es ihm nicht, wird 
aber das Werk eines anderen Elsassischen Meisters sein, der eine 
gewisse Verwandtschaft mit ihm hat, sich aber in der Technik sowohl 
wie im Charakter von ihm unterscheidet. Die Gesichtsbildung der 
Maria weicht von allen, die wir bei Schongauer finden, bedeutendab, 
sie ist breiter, gradliniger. Ja die ganze Auffassung ist eine ver- 
schiedene; während Martin seine Anschauung des Schönen mehr aus 
der Phantasie schöpft, und das was er aus der Wirklichkeit sich an- 
1) Der Erzengel Gabriel als Jäger von Hunden begleitet, welche durch die 
Beischriften als Tugenden bezeichnet sind, und vor denen das Einhorn sich zur 
Jungfrau geflüchtet hat. Da die Kreuzigung unter den Momenten der Passion 
fehlt, war sie wahrscheinlich im Schrein plastisch dargestellt; nach dem Schlusse 
der ersten Flügel zeigten sich die 16 Momente der Passion, nach dem der äusseren 
die Temperabilder mit den Marialien. Es ist bemerkenswerth, dass hier (wie am 
Niederrhein) die heiteren Mysterien, in Franken dagegen gewöhnlich die Passions- 
momente die Aussenseiten bilden. 
2) Es gehören dazu zwei Flügelbilder, die Verkündigung und die Verehrung 
des Christkindes, auf der Aussenseite aber die vor dem Gekreuzigten knieenden 
Stifter darstellend. Sie sind geringeren Werthes. 
s) so nicht nur v. Quandt, dessen begeisterte Beschreibung a. a. O. S. 323 
nachgelesen zu werden verdient, sondern auch Passavant im Kunstblatt 1843, 
während er später (1846) der inzwischen von Waagen a. a. O. geausserten Meinung 
beipüichmnd es für das Werk eines anderen Meisters jedoch derselben Zeit und 
Richtung erklärt. Meine eigene schon 1842 gebildete Ansieht stimmt damit überein. 
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