Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1175107
Martin Schongauer. 
397 
unter sind dann der Löwe und der Adler von einer wahrhaft über- 
raschenden Grossartigkeit, bei dem wohlbekannten Hausthiere des 
Lygas dagegen hat er sich an die Natur halten zu müssen geglaubt 
und gibt nun ein treues Abbild eines magern Ochsen mit hervor- 
stehenden Knochen, wie ihn irgend ein armer Landmann zum Markte 
gebracht haben mochte. Wie es scheint, genügten ihm seine flan- 
drischen Meister weder in ihrer Naturwahrheit noch in ihrer Schön- 
heit; wenn auch nicht aus Ehrgeiz, sondern nur aus Gewissenhaftig- 
keit suchte er sie in beidem zu übertreffen und schwankte zwischen 
verschiedenen Ansprüchen. Seine Gewänder geben oft die langen 
ruhigen Linien, wie er sie auf den Bildern Meister Wilhelms von 
Cöln"kennen gelernt haben mochte, oft aber sind sie mit scharf- 
gebrochenen oder wellenförmig gerundeten Falten überhäuft, oder in 
Hatternder, unruhiger Bewegung. Seine landSQhaftlichen Hintergründe 
sind zum Theil höchst grossartig (z. B. auf der grösseren Kreuzigung, 
BartschNr. 2:3, wo man weit über die bergige Meeresküste fort- 
blickt), aber bei dramatischen Momenten hat er selten Raum für 
(iieselben. Denn jene weise Sparsamkeit der niederländischen Meister 
kennt er nicht; er möchte gern die Gegenstände erschöpfen, drängt 
daher eineülllenge von Gestalten zusammen und verfällt leicht in das 
Kleinlicho und Unruhige. Hubert van Eyck hatte an Adam und 
Evasclion eine naturgemässe und doch auch stilistisch würdige Be- 
handlung des Nackten gelehrt; Martin Schongauer überladet die 
nackten Gestalten (z. B. den St. Sebastian Nr. 59) mit hartgezeich- 
neten Muskeln. Ueberhaupt bleibt seine Körperkenntniss hinter seinen 
eeamäfiaruck, die Handeund Beine seiner Gestalten sind zu 
mager und zu lang, eckige, spitze Formen machen sich überall un- 
angenehm geltendl). Bei den weiblichen Gestalten ist meistens der 
Oberkörper zu kurz, er übertreibt die Schlankheiutgund Zierlichkeit, 
an der viele deutsche Meister dieser Epoche festhielten, und gewöhnt 
sich dadurch an Mag-zrkeit, die er denn auch bei unschönen Gestalten 
und heftigen Bewegungen beibehalt. Den Einfluss der flawndrischen 
Schule erkennt man in vielen Einzelheiten, im Typus der Gesichter, 
in der Anordnung, in den perspektivischen Hintergründen. Er über; 
trifft sie idder psychologischen Durchbildung und im Schönheitsgefühle 
bei einzelnen Gestalten, während er in dem Gefühl für die Harmonie 
1) Es ist ein wunderlicher Gedanke von v. Eye in seinem Leben und Wirken 
Albrecht Dürefs S. 69, wenn er die Magerkeit der Gestalten bei Martin Schon- 
gauer "einem ganz vertrockneten Lebe-nsgefühle" und einer ascetischen Absicht- 
lichkeil; zuschreibt, An eine solche war überhaupt in seiner Zeit bei Niemand, 
am wenigsten bei einem Künstler von so regem Schönheitsgefühl zu denken. Auch 
sind seine Gesichter eher iieischig.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.