Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1175083
Schongauer. 
Martin 
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Jahre 1492 nach Colmar kam, wurde er nur von Alartins Brüdern, 
wclche theils Goldschmiede, thcils Maler waren 1) empfangenä). 
Um ihn mit Sicherheit kennen zu lernen, wird man zuerst seine 
Kupferstichc betrachten, deren man jetzt, abgesehen von den zahl- 
reichen mit seinem Monogramm versehenen Copien, 139 zählt, meistens 
kleine Blätter, doch auch einige grössere in Querfolioformat, fast 
alle heilige Gegenstände darstellend, einige wenige mit scharf auf- 
gefassten aber harmlosen Figuren nach dem Leben, eine grössere 
Zahl mit zum Theil sehr vortrefflichen Vorzeichnungen für Gold- 
schmiede. Von Zeichenfehlern ist er nicht frei und ein modernes 
Auge wird leicht an gewissen Härten, an den gemeinen Gesichtern, 
den mageren Beinen, den gewaltsamen und übertriebenen Bewegungen 
der Henker und ähnlicher Gestalten Anstoss nehmen. Aber bei näherer 
Betrachtung nndet sich ein Gedankenreichthum und eine Fülle von 
Schonheit, welche den Beschauer entzückt und die Mängel vergessen 
lasst. Seine Engelsköpfe sind ungemein lieblich, mit wallendem, reich- 
gelocktem Haare, von voller kindlicher Rundung, aber mit ausgebil- 
deten Zügen und mit sinnigem seeleilvollenulilicke. Auch die Köpfe 
jüngerer Frauen und Johannes des Lieblingsjüngers haben ähnliche 
Form und nicht bloss das Christkind, sondern selbst der Heiland in 
der Reife der Jahre hat etwas von diesem Typus, bei schlankerer 
Bildung des Kopfes ein volleres Rund der Wangen beibehalten, was 
in der Vorderansicht zuweilen an Weichlichkeit streift. Aber man 
empfindet in dieser Wiederkehr derselben lieblichen kindlichen Züge 
das Bedürfniss des Meisters, daslieiligste mit allemReize zu schmücken, 
alle Süssigkeit, die er empfand, darüber auszugiessen. Auch fehlt es 
dann nicht an dem Ernsten und selbst Herben, was das Gegengewicht 
hält. Bei Christus selbst ist der Ausdruck des Leidens niemals un- 
edel oder übertrieben, der der Würde meistens gelungen, manchmal, 
zum Beispiel bei der Gefangennehmung, wo er in der Mitte des Bildes 
mit seinem klaren Antlitz so ruhig zwischen den verzerrten, leiden- 
schaftlichen Gestalten der Schergen dasteht, in bewundernswerther 
Weise gelungen. Maria hat schlankere Züge, fast an das griechische 
1) Archivalische Nachweisungen aus Basel und Colmar über die vier Brüder 
Schongauerä, Ludwig, Caspar, Georg und Paul iinden sich bei Gerard, les artistes 
de l'Alsace pendant le moyen age, II. S. 228, 353, 389 und 401. 
2) Wimpheling hatte in einem seiner Werke noch beim Leben Dürer's diesen 
den Schüler lllartin Sch0ngauer's genannt, und dies veranlasste den Nürnberger 
Gelehrten, Christian Scheurl, bei Dürer selbst darüber anzufragen, der ihm dann 
die im Texte angeführten Nachrichten gab und hinzufügte, dass er Martin Schon- 
gauer, obgleich er es gewünscht, niemals gesehen habe. Vgl. die Stelle des Scheurl 
in meinem Aufsatz a. a. O. und in dem von His-Heusler.
        

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