Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1174270
314 
des 
Französische Malerei 
15. Jahrhunderts. 
Nach dem Tode Karls VII. unter der zwar harten und strengen, 
aber klugen und wirthschaftlichen Regierung Ludwigs XI. stieg die 
Wohlhabenheit und (vielleicht im Widerspruche gegen den finstern 
Hofhalt des Königs) der Luxus in hohem Grade und die Miniatur- 
malerei kam aufs Neue in Gunst, in der sie sich bis nach der Mitte 
des 16. Jahrhunderts erhielt. Zahlreiche, prachtvolle Werke dieser 
Art sind uns erhalten, aber durchweg dieser allgemeinen französischen 
Schule angehörig. Vieles ist darin sehr anziehend, Manches selbst 
poetisch. Die Landschaft ist im Ganzen sehr wohl verstanden; selbst 
die conventionelle Beleuchtung mit Gold oder Silber wirkt oft sehr 
gut und giebt der Phantasie einen Eindruck, welcher dem der Wirk- 
lichkeit entspricht. Die Köpfe sind fein und meistens von verständ- 
lichem Ausdruck, gewisse Motive, weibliche Züchtigkeit und Anmuth, 
vornehmer Anstand, weltmannische Klugheit pflegen wohl zu gelingen. 
Der Madonnentypus zeigt statt der körperlichen Fülle der Nieder- 
länder, ein feines Oval mit etwas langem Kinn und spitzer Nase. 
Aber das Energische und Leidenschaftliche ist schwach, die Bewe- 
gungen sind oft steif, die Darstellung des Schmerzes hat meistens 
etwas Conventionelles, Uebertriebenes und die besseren Züge wieder- 
holen sich zu oft, um lange zu wirken. Es ist eine zierliche, senti- 
mentale Schule, in welcher die Gestalten mehr eine Rolle zu spielen, 
als aus freier Seele zu handeln scheinen. 
Es wird genügen, aus der gewaltigen Zahl dieser Werke einige 
mir genauer bekannte herauszuheben. Besonders charakteristisch, 
ein Extrem des conventionell-französischen Geschmacks ist ein Exem- 
plar eines in dieser Zeit sehr beliebten Buches, der Heroiden des 
Ovid in französischer Uebersetzung (Nr. 874 fr., früher Nr. 72313 
der grossen Pariser Bibliothek) mit grösseren und kleineren Minia- 
turen. Jene zeigen die schreibenden Heldinnen in ihrem Cabinet, 
Briefe empfangend oder absendend, als schlanke, etwas lang gerathene 
Gestalten in elegantem höiischen Costüm, diese geben historische 
Scenen, wobei dann die 50 Töchter des Danaos in Himmelbetten 
schlafen, Phädra in einer Staatscarosse auf die Jagd fährt und Leander, 
wie aus Kork geschnitzt, ganz gerade oben auf den Wellen schwimmt. 
unterscheiden zu müssen, die Schule Foucquetis (wie er sie nennt, "die frünZÖSiSCh- 
italienische"), dann eine französisch-niederländische und endlich die altfranzösische. 
Diese Unterscheidung scheint mir indessen nicht haltbar. Ein niederländischer 
Einiiuss ist überall vorhanden, es handelt sich nur um Unterschiede des Grades, 
welche fast mit dem Unterschiede des Künstlerischen und Fabrikmässigen zusammen- 
hängen, und jedenfalls zu fliessend sind, um eine Begrenzung Zwischen Verschie- 
denen Schulen zu begründen.
        

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