Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1174119
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Frar 
xzösische 
des 
Malerei 
Jahrhunderts 
Hingabe an Natur und Wahrheit, die jetzt in der flandrischen Kunst 
herrschte, konnten und wollten die französischen Maler sich nicht 
entschliessen. Sie konnten es nicht, weil ihnen das mystisch-religiöse 
Gefühl für die Natur, weil ihnen der ausgebildete Farbensinn fehlte, 
der in der Harmonie des Ganzen, in der Musik der Farbe Entschä- 
digung für die Mängel der Form findet. Es widerstrebte ihnen aber 
auch, die menschliche Gestalt und die Hergänge in ihrer alltäglichen 
Erscheinung darzustellen. Sie machten ideale Ansprüche, Welchen die 
niederländische Kunst nicht entsprach. Auch in Frankreich liebte 
man den Naturalismus, aber nur als anmuthige oder neckische Naivetäit, 
als leichte Erinnerung an den sinnlichen Reiz der Dinge, als Porträt- 
ähnlichkeit, mit einem Worte, so lange er dem Selbstgefühle schmeichelte, 
aber man begnügte sich nicht mit der Natur, glaubte nicht in ihr 
Alles zu besitzen, fand es anstössig, auch ihre Zufälligkeiten und 
Schwächen wiederzugeben und verlangte von der Kunst eine auser- 
wahlte, höhere, vornehme Natur, die Beobachtung der gesellschaftlich 
anerkannten Schönheits- und Anstandsregeln. Schon am Ende des 
dreizehnten Jahrhunderts hatten wir Spuren dieser Richtung bemerkt 
(Band V S. 648); seitdem war sie durch die weitere Ausbildung der 
monarchischen Tendenz und der höfischen Sitte vollkommen befestigt. 
Daher zeigen denn die französischenMiniaturen aus der zweiten Hälfte 
des Jahrhunderts neben den Einwirkungen der Eycläschen Schule sehr 
bestimmte wiederkehrende Verschiedenheiten. Ihr Naturalismus ist 
befangener, die Neigung, graziöse Gestalten zu geben, lässt ihm nicht 
volle Freiheit. Die Gesichtszüge haben nicht die (volle) Mannigfaltig- 
keit der Natur, gewisse Typen wiederholen sich bis zur Einförinigkeit. 
Die Zierlichkeit der Bewegung steigert sich zuweilen bis zum" Pre- 
tiösen und Verschrobenen, der Ausdruck des Leidenschaftlichen ist 
zwar klar und bestimmt, aber weil er maassvoll sein soll, zuweilen 
matt. Die Zeichnung ist von höchster Sauberkeit und Präcision, auch 
an den menschlichen Gestalten im Ganzen richtig, aber die Verhält- 
nisse sind leicht zu schlank. Die Compositionen sind oft sehr figuren- 
reich und meistens wohlgeordnet; die Kunst, Gruppen zu bilden und 
zu sondern, das Gleichgewicht in der Anordnung zu bewahren, ist 
den Malern dieser Schule sehr geläufig, macht aber nicht selten den 
Eindruck des Steifen, Feierlichen, Ofiiciellen. 'l'racht und Sitten sind, 
in welcher Zeit auch die Darstellung spielen möge, durchweg die da- 
mals üblichen, wie bei den Niederländern. Die göttlichen und heiligen 
Gestalten werden, wie dort, durch Kleidung und Umgebungen, wie 
sie der Luxus der Vornehmen liebte, geehrt. Aber an die Stelle der 
Naivetat, in welcher dies dort erscheint, ist hier eine gewisse pedan-
        

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