Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1173723
Das Danziger Weltgericht. 
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Ueber den Namen des Meisters fehlt jede Nachricht. Der Dan- 
ziger Schiffer und seine Rheder fragten nach seinem Namen nicht, 
und selbst dem Chronisten war dieser Mangel nicht auffallend. Ueber- 
haupt erweckte das Bild erst mit dem erwachenden Interesse für 
ältere Kunst und besonders nach seiner Rückkehr von Paris grössere 
Theilnahme. Aber die Kenntniss der älteren Kunst war noch zu 
gering. Einige schrieben es in Folge einer doppelten Verwechselung 
dem Michael Wolgemut zu, von dem es gewaltig weit entfernt ist, 
Andere, besser unterrichtet, nannten Johann van Eyck, mit dem es 
wenigstens allgemeine Schulverwandtschaft hat. Da bei näherer 
Prüfung auch diese Bezeichnung nicht haltbar schien, rieth man mit 
unsicherem Herumtasten auf Hugo van der Goes oder gar auf 
Albrecht von Ouwater, bis endlich Hotho den Namen Memlings 
aussprach und dafür die Zustimmung von Waagen, Passavant und 
anderen angesehenen deutschen Kunstforschern erhieltl). Ich kann 
diesem Aussprüche nicht unbedingt beipflichten. Eine Verwandtschaft 
mit Memling ist allerdings vorhanden; sowohl die Technik, als die 
vorherrschende Auffassung und Charakteristik ist ganz ähnlich; das 
Verhältniss zur Natur, die Art der Individualisirung, die Vorliebe für 
ehrbare, bürgerliche Gesichter, für eine gerade, fast steife Haltung der 
Körper ist dieselbe. Zuweilen, namentlich bei jugendlichen Frauen, be- 
gegnen wir Zügen, die auch auf Memlings zweifellos ächten Bildern 
vorgekommen waren. Aber daneben finden sich wieder wesentliche 
Verschiedenheiten sowohl der Gefühlsweise, als der technischen Be- 
handlung. Während Memling den männlichen Köpfen reiferen Alters 
ungeachtet ihres bürgerlichen Habitus eine gewisse Idealität zu ver- 
1) Vgl. die Geschichte jener früheren Benennungen bei Hotho, Gesch. der 
deutsch. und niederland. Malerei 1843. II. 129. Abweichende Ansichten über den 
Urheber des Bildes haben bisher nur Michiels (Hist. de 1a peinture flamande II. 
154 H.) und E. Förster, Denkm. d. Bildnerei und Malerei Band V. S. 33 aus- 
gesprochen. Jener erklärt es nebst einer Anzahl andrer, sehr verschiedener Ge-' 
miilde für ein Werk aus der gemeinsamen Werkstatt Huberlfs und Johanns van 
Eyck. Ich weiss nicht, ob er das Danziger Bild gesehen hat; seine Worte lassen 
dies zweifelhaft. Jedenfalls wird er keinen zweiten Kunstfcrscher finden, der bei 
einiger Kenntniss dieses Bildes und der Werke der Brüder van Eyck die weite 
Kluft verkennt, welche es von den Werken der letzteren scheidet. E. Förster geht 
nicht so weit, aber er nimmt an, dass der Meister des Danziger Bildes derselbe 
sei, welcher, etwa 20 Jahre früher, das jüngste Gericht zu Beaune geschaffen habe. 
Ich kann diese Ansicht in keiner Weise theilen und fürchte, dass die Aehnlichkeit 
des Gegenstandes und namentlich der Gruppe des Weltrichters in beiden Bildern 
selbst einen so erfahrenen Kunstkenner, wie Förster, getäuscht hat. Die Bemer- 
kungen über die geistige und technische Verschiedenheit beider Werke, die im 
Texte gemacht werden, mögen als Rechtfertigung meines Widerspruches dienen. 
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