Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1173649
Der Altar im Dom zu Lübeck. 
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Lichtern in einen nicht erfreulichen kühlröthlichen Ton gerathen. 
Diese Fülle von Einzelheiten hat auch wahrscheinlich es veranlasst, 
dass die Landschaft hier nicht mehr nach der Sitte der flandrischen 
Schule flach, sondern mit hohem Augenpunkte, wie es auf den deut- 
schen Bildern vorherrscht, gezeichnet ist, wodurch denn dem Meister 
die Möglichkeit wird, auf einer und derselben schmalen Tafel mehrere 
Scenen, z. B. die Grablegung und die Auferstehung mit ziemlich 
vielen Personen über einander darzustellen.  
Allein trotz dieser Mangel und zum Theile vermittelst derselben 
ist die Wirkung des Bildes eine sehr grosse; wir fühlen gerade in 
der Naturtreue, mit welcher der Meister die Menschen, wie er sie 
sah, mit allen Einzelheiten wiederzugeben suchte, den Ernst seiner 
Gesinnung, den hohen Werth, den er selbst auf das Einzelne legte; 
wir werden davon mitergriffen und dadurch zur näheren Betrachtung 
bestimmt, die uns denn eine seltene Gedankenfülle und Wärme des 
Ausdrucks zeigt. Keine Figur ist überflüssig, keine bloss raumfüllend, 
selbst die müssigen Zuschauer sind im lebendigen Gespräche und 
verrathen den Eindruck, welchen der Hergang ihnen giebt. Alle 
Köpfe sind übrigens höchst vortrefflich ausgeführt und von porträt- 
artiger Naturwahrheit. Bemerkenswerth ist dabei, dass die Neben- 
personen, Priester, Soldaten u. s. f., in den verschiedenen Scenen 
stets in derselben Tracht und mit denselben Zügen wiederkehren, 
während Christus stets verändert erscheint und namentlich als Auf- 
erstandener und Verklarter sich, wenn auch mit Beibehaltung der 
typischen Züge, wesentlich von dem Leidenden unterscheidet. Man 
erkennt darin den künstlerischen Zweck, die Beschauer ausschliess- 
lich auf Christus und auf den Verlauf seiner Geschichte hinzuleiten, 
ohne sie durch Aeusserlichkeiten zu zerstreuen. Damit scheint es 
im Widerspruche zu stehen, dass er hier, was auf späteren flandri- 
sehen oder deutschen Bildern sehr gewöhnlich ist, dagegen auf 
früheren Werken dieser Schule und selbst unseres Meisters nicht 
leicht vorkommt, dem ernsten Gegenstande komische Figuren bei- 
gegeben hat. Bei der Kreuztragung sehen wir im Vorgrunde ein 
Hündchen, das vor einem im Wege hockenden Frosche stutzt, und bei 
der Kreuzigung neckt ein junger Bursche einen Affen, den einer der 
Reiter bei sich führt. Allein offenbar sind auch diese Figuren darauf 
berechnet, durch ihren Gegensatz den Ernst der Empfindung zu 
steigern, der dann in der Gruppe der befreundeten Frauen seine 
höchste Spitze erreicht. 
Auf dem Rahmen liest man ohne weitere Inschrift nur die in 
Ziffern geschriebene Jahreszahl 1491; das Bild ist daher später ent-
        

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