Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1173540
Memlingüs Eigenart gegenüber seinen Vorgängern. 
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das vielköpiige Thier und die Schrecken der letzten Tage, endlich 
die vier Reiter auf trefflich gezeichneten Rossen kühn einhersprengend, 
dies an der Küste des tiefgrünen, krystallhellen Meeres, das diese 
Gegend von Pathmos trennt und in dem sich jene ganze Erscheinung 
wunderbar wiederspiegelt. Auf den Aussenseiten der Flügel endlich 
sind in leichterer Farbe je zwei knieeude Gestalten der Stifter, wie- 
derum Brüder und Schwestern des Hospitals, nebst ihren Schutz- 
heiligen dargestellt. Auf dem Rahmen lesen wir auch hier dieselbe 
Inschrift, wie "auf jenem ersten kleinen Altärchen: Opus Johannis 
Memling, mit der erst in römischen. Buchstaben, dann in Ziffern ge- 
schriebenen Jahreszahl 1479. Einige Missverständnisse in der Form 
der Buchstaben und dann die Jahreszahl selbst machen indessen diese 
Inschrift verdächtig und lassen darauf schliessen, dass sie, wenn nicht 
ein jener Inschrift des kleinen Altars nachgebildeter moderner, etwa 
im vorigen Jahrhundert entstandener Zusatz, so doch die Renovation 
einer älteren Inschrift ist, bei welcher man die unleserlich gewordene 
Jahreszahl- durch die auf jenem ersten Bilde vorgefundene von 1479 
ersetzte. Sie ist gewiss nicht richtig; zwischen jenem schüchtern und 
jugendlich gemalten Bilde und diesem reifsten Werke vollendeter 
Meisterschaft müssen mehrere Jahre verilossen sein. Erst hier lernen 
wir Memling in seiner ganzen Vielseitigkeit kennen. Vor Allem 
nimmt die Gruppe der heiligen Frauen unsere Aufmerksamkeit in 
Anspruch; sie ist gewissermaassen etwas Neues in der iiandrischen 
Kunst. Die Darstellung der Madonna in der vollsten Pracht welt- 
lichen Prunkes, von Teppichen, Goldschmuck und edlen Steinen um- 
geben, war zwar schon langst ein beliebter Gegenstand. Johann van 
Eyck war anhaltend damit beschäftigt gewesen. Aber ich glaube 
nicht, dass er oder einer seiner Nachfolger eine solche Fülle von 
Anniuth und Liebreiz erreicht hätte, wie sie über diese so streng 
symmetrisch und doch in so voller Natürlichkeit geordnete Gruppe 
ausgegossen ist. Man muss auf die frühen Erzeugnisse der Kölner 
Schule zurückgehen, auf die, welche wir Meister Wilhelm oder der 
Jugend des Meisters Stephan zuschreiben, um dieselben Motive, das.- 
selbe Ideal jungfraulicher Reinheit und Zartheit, dieselbe Süssigkeit 
wiederzufinden. Die flandrische Schule hatte seit den Tagen Hubertis 
van Eyck eine andere, ernstere, mehr männlich verständige Rich- 
tung genommen. Sie strebte danach, die grossen Mysterien der 
Schöpfung und des Christenthums zu versinnlichen, der hergebrachten 
kirchlichen Andacht zu dienen, oder moralische Wirkungen hervor- 
zubringen. Ihre Poesie war episch oder didaktisch; jene jugendliche 
Lyrik der älteren Kölner Schule, das zarte Minnespiel mit dem 
Schnaascfs Kunstgesch. VIII. 16
        

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