Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1173083
dramatisch Bewegte. 
Tragische, 
Rogefs Richtung auf das". 
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dürfen, das Wagniss lebensgrosser Figuren unternahm, zugleich aber 
auch den landschaftlichen Hintergrund, diese neue Errungenschaft 
der flandrischen Schule, aufgab und zum Goldgrund zurückkehrte. 
Es kann sein, dass ihn auch hierbei der Wunsch seiner Besteller 
leitete; die Brüder van Eyck hatten den Goldgruntl immer vermieden, 
aber das grössere Publikum war damit keinesweges einverstanden, 
bei grossen kirchlichen Gemälden wurde er noch oft gefordert und 
angewendet. Auch ist es wahrscheinlich, das Roger selbst sich diesem 
Verlangen gern fügte; der landschaftliche Hintergrund zerstreute, 
schwächte den tragischen Eindruck der Figuren und war überdies 
mit lebensgrossen Gestalten schwer zu vereinigen. Allein ebenso 
wahrscheinlich fühlte er bald das Bedenkliche dieses Weges; es musste 
ihm unheimlich werden bei einer Aufgabe, der seine Kenntniss des 
menschlichen Körpers zu unvollkommen entsprach und bei der Ver- 
zichtleistung auf das, was die Stärke und den Vorzug der iiandrischen 
Schule ausmachte. Es ist nicht unmöglich, dass jene italienische 
Reise vom Jahre 1450, obgleich er sie nicht mit künstlerischen Zwecken, 
sondern aus kirchlicher Pietät unternommen hatte, ihm die Augen 
öffnete, dass er durch den Vergleich mit der fremden Schule seine 
Anlagen und Bedürfnisse und die seiner Nation besser kennen lernte. 
Er verzichtete daher auf lebensgrosseGestalten und auf das Aeusserste 
des Affects, vermied den Goldgrund, hielt sich zwar auch ferner in 
dem Kreise ergreifender und dramatisch bewegter Hergiinge, dem 
er seinen Ruhm verdankte, gab aber seinen ausdrucksvollen Figuren 
wieder den naturalistischen Hintergrund, die lebensvolle Perspective 
architectonischer Raume oder die sonnenbeschienene, in der reichsten 
Fülle anmuthiger Einzelheiten prangende Landschaft. Es war eine 
Annäherung an die Weise seiner Vorgänger, der Eyck's, aber auch 
eine Rückkehr zu sich selbst von einer einseitigen Steigerung zu der 
milden und harmonischen Stimmung, welche der Frömmigkeit und 
dem Schönheitsgefühle seiner Landsleute und ihm selbst am meisten 
zusagte. 
Er schuf daher jetzt seine besten Werke und begründete eine 
Richtung, die in der That im Vergleich mit der der Eyck's einen 
Fortschritt darstellte, einen Fortschritt in realistischer Wahrheit, in- 
dem erst so durch das Eingehen auf Leiden und Schmerz dem Leben 
sein volles Recht wurde und ein Fortschritt der Schönheit, indem es 
vor süsslicher Weichheit bewahrte und durch die Einfügung aufge- 
löster Dissonanzen zu volleren Accorden gelangte.
        

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