Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1173072
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Handrischen Zeitgenossen. 
und seine 
der Weyden 
Roger van 
Passionsgeschichte oder Erinnerungen an die Hinfälligkeit menscl1- 
licher Grösse vor Augen zu haben. Aber Roger's eignes Gefühl kam 
offenbar diesem Bedürfnisse entgegen; er begnügte sich nicht, wie es 
bisher geschehen war, die tragischen Hergänge trocken aber ver- 
ständlich darzustellen, sondern suchte sie zu steigern, um jene ge- 
wünschte Anregung in vollem Maasse zu geben. Seine eigne starke 
Empfindung begleitete schon die ersten Pinselstriche und äusserte 
sich hier in feinen Betonungen, von denen der Beschauer sich keine 
Rechenschaft zu geben wusste, die aber um so tiefer auf ihn wirkten. 
Die Eyclös hatten für ein aristokratisches Publikum gearbeitet; 
Hubert für eine Aristokratie des Geistes, die sich auf der Höhe eines 
weiten Ueberblicks über das Weltganze halten konnte, Johann mehr 
für die weltlich Vornehmen. Roger wusste auch die stärkeren Nerven 
des Volks in Bewegung zu setzen und gab seinem Ruhme dadurch 
eine sehr viel breitere Basis. Wir kennen leider seine Geschichte 
zu wenig, um seinen Entwickelungsgang an seinen Werken im Ein- 
zelnen zu beobachten. Aber die Grundzüge desselben können wir 
wahrnehmen. Auch er war, wie die Eyck's, vollkommen Realist, 
liess sich nicht von hergebrachten Regeln und Begriffen leiten, son- 
dern hing mit voller Treue und Wärme an der Natur. Aber während 
Jene nur die Natur im Ganzen im Auge gehabt hatten, das grosse 
kündliche Geheimniss des Einklangs aller Kräfte, das ihnen mystisch, 
wunderbar, aber in ungetrübter Heiterkeit und Durchsichtigkeit er- 
schien, blickt er eben als ihr Nachfolger mehr auf das Einzelne und 
erkennt die Beschränkungen und den Streit, das Herbe und Schmerz- 
liche. Daher die etwas magere Schlankheit seiner Gestalten, die an 
Härte streifende Präcision der Zeichnung, besonders des Nackten; 
daher dann auch die grelle Schilderung der Leidenschaft und im 
Gegensatze gegen die gewaltsamen, eckigen Bewegungen, in denen 
sie sich äussert, die steife, spiessbürgerliche Haltung der ruhigen Zu- 
schauer. Indem er genauer auf das Einzelne des Körperbaues ein- 
geht, wachsen ihm die Gestalten, indem er den Gegensatz des Tra- 
gischen und der alltäglichen Ruhe kennen lernt, übertreibt er ihn. 
Das Psychologische war ihm eben ein neues Gebiet, auf welchem ihn 
die auffallendsten Erscheinungen so sehr fesselten, dass er die zahl- 
losen Uebergänge zwischen den Extremen noch nicht würdigen konnte. 
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die ersten Erfolge, die er in dieser 
Richtung erlangte, ihn bestimmten, sich ihr ganz znzuwenden, alles 
Hindernde zu beseitigen. Daher die auffallende Erscheinung, dass 
er in jenem so oft wiederholten Gemälde der Kreuzabnahme, das 
wir nach dem Datum auf dem einen Exemplare um 1443 setzen
        

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