Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172849
Die Brüsseler Rathhausbilder. 
171 
Von den Werken jenes älteren Roger van der Weyden, der in 
der That der Einzige ist, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, 
sind leider die meisten, die von den nahestehenden Berichterstattern 
gepriesen werden, verloren gegangen. So zunächst das berühmteste 
von allen, die Reihe von Tafelgemälden, mit denen er die sogenannte 
goldene Kammer des Rathhauses zu Brüssel, den Gerichtssaal, ge- 
schmückt hatte, und die, wie es herkömmlich war, den Richtern Vor- 
bilder eifriger Rechtspflege vor Augen stellen sollten. Sie gehörten 
zu den Merkwürdigkeiten Brüssels, welche den Fremden gezeigt 
wurden und sind daher in den Berichten derselben, von unserm 
Albrecht Dürer an bei seiner niederländischen Reise im Jahre 1.522, 
bis gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts häufig erwähnt und 
zum Theil ausführlich beschrieben. Zwei dieser Tafeln beschäftigten 
sich mit der Geschichte des Kaisers Trajan, zuerst wie er in richter- 
licher Pfiichttreue den Feldzug, zu dem er ausziehen will, aufschiebt 
und der Wittwe, die ihn wegen der Ermordung ihres Sohnes anruft, 
durch die Bestrafung des Thäters zu ihrem Rechte verhilft; dann wie 
der Papst Gregor der Grosse, durch die Erzählung dieser That gerührt, 
vor dem Altar St. Peter's für ihn zu bitten wagt und demnächst 
durch das wunderbar erhaltene, aus dem Grabe unter der Trajans- 
säule herbeigeschaffte Haupt des Kaisers und durch eine himmlische 
Stimme die Gewissheit seiner Seligkeit erlangt. Zwei andere Tafeln 
enthielten die locale Legende von einem Grafen Herkenbald; auf der 
einen sah man ihn krank im Bette liegend, wie er seinen Neffen, 
der ein Verbrechen begangen, zum Erstaunen seiner Beamten mit 
eigner Hand tödtet; auf der andern reichte ihm der Priester die 
letzte Communion, wobei, wie die ausführliche lateinische Inschrift 
ergab, die Billigung dieser That dadurch erwiesen wurde, dass die 
Hostie, die ihm der Bischof wegen derselben verweigert hatte, sich 
wunderbarer Weise aus dem verschlossenen Gefäss in seinen Mund 
begab. Im Jahre 1690 wurden diese Gemälde noch als bestehend 1) 
erwähnt, seitdem nicht mehr, und es ist daher wahrscheinlich, dass 
sie bei dem Brande des Rathhauses während des Bombardements 
von 1695 zu Grunde gegangen sind. Sie wurden allgemein bewundert. 
Dürer lässt sich zwar nicht näher darüber aus, nennt aber doch bei 
Gelegenheit derselben Roger einen grossen Meister. Van Mander, 
1) Fälibien, Entretiens sur 1a vie et les ouvrages des peintres. Tome I. p. 579 ff. 
bei lllichiels 2. Aufl. III. p. 27. Es ist bemerkenswerth, dass Fälibien, nachdem 
er die Legende des Herkenbald erzählt, hinzufügt, dass der Maler bei Darstellung 
derselben „a fait voir dans les ligures des expressions qui surpassent tout ce 
que les autres peintres ont jamais fait de plus beau.
        

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