Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172740
des Eyck'schen Realismus. 
Bedeutung 
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machen. Man hat solche Werke oft einen Juwel genannt und mit 
Recht; sie haben, im Vergleich mit andern Gegenständen, den höheren 
Werth und zugleich die kostbare edle Ausarbeitung gemein. Hier 
kam dann etwas Anderes dazu. Das Verständniss der Natur war 
neu, man wollte sie mit vollen Zügen geniessen, sich ihresganzen 
Reichthums bewusst werden. Kein Bild daher, in dem nicht die 
ganze Fülle der Dinge wenigstens repräsentirt war. Dazu gehörte 
aber entweder ein gewaltiger Raum oder die kleine Dimension, und 
diese erhielt natürlich den Vorzug, nicht bloss weil sie handlicher, 
leichter zu erlangen und herzustellen war, sondern auch weil sie die 
Uebersicht und somit das behagliche Gefühl des Vertrautseins mit 
dieser reichen Welt erleichterte.   
Man hat Johann van Eyck oft als den Anfänger des modernen 
Realismus bezeichnet, als den, der zuerst die Naturtreue sich zur 
Hauptaufgabe gemacht habe, und das ist auch, nicht unrichtig. Noch 
bei seinem Bruder war die Natürlichkeit nur ein Mittel für den Aus- 
druck seiner mystischen Ideen gewesen, bei ihm wurde sie Selbst- 
zweck. Allein auch er unterscheidet sich von dem späteren, genre- 
artigen Realismus noch sehr bedeutend; ihm geht keineswegs die 
entschiedene religiöse Tendenz ab. Es liegt dies nicht darin, dass 
seine Kunst noch immer im Zusammenhange mit der Kirche-blieb 
und die meisten seiner Bilder heilige Gestalten darstellen; die gleich- 
zeitigen Italiener geben dessen ungeachtet nicht den gleichen Ein- 
druck der Frömmigkeitl). Es liegt vielmehr an der Art, wie er so- 
wohl bei Bildnissen als in den landschaftlichen Hintergründen die 
Natur auffasste. Die späteren Künstler (und schon jetzt die Italiener) 
betrachteten sie bloss als ein äusseres Objekt und als die materielle 
"Grundlage für den Ausdruck ihres subjectiven künstlerischen Gefühls. 
Sie haben daher zwiefache Ursachen der Beschränkung; Sie dürfen 
nur so viel geben, als das sinnliche Auge aufnimmt und von diesem 
wieder möglichst nur das, was jenem künstlerischen Gedanken oder 
Gefühle dient. Johann van Eyck und seine ilandrischen Nachfolger 
sind sich dieses Gegensatzes noch nicht bewusst; die Natur ist ihnen 
eine göttliche Offenbarung, sie selbst sind nur die Vermittler der- 
selben, welche? Alles, was ihnen verkündet ist, mit Ehrfurcht empfangen 
und mit demüthiger Treue wiederzugeben haben. Sie drängen daher 
_ 1) Vittoria Colonna gab noch in den dreissiger Jahren des sechszehnten Jahr- 
hunderts den Niederländern in dieser Beziehung, den Vorzug, dem freilich Michel- 
angelo nicht zustimmen konnte. Vgl. das merkwürdige Gespräch beider mit dem 
Portugiesen Francesco d'01landa ,bei Raczynski: Les arts en Portugal und bei 
H. Grimm, Michelangelo (IV. Aufl.) II. p. 278 E." 
Schmmscfs Kunstgesoli. VIII. ll
        

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