Werke J ohann's.
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Die Kenntniss der flandrischen Schule ist dadurch sehr erschwert,
dass die Maler ihre Bilder fast immer ohne Namensinschrift liessen.
Johann van Eyck macht davon eine Ausnahme; wir besitzen eine zie1n-
liche Reihe von Bildern, auf denen nicht bloss sein voller Name, son-
dern auch die Jahreszahl verzeichnet und uns dadurch ein wichtiges
Mittel der Uebersicht seiner künstlerischen Thatigkeit gegeben ist.
Der Inschrift ist drei Mal (auf den unten zu erwähnendeli Bildern
von 1432, 1433 und 1439) ein eigenthümliches Motto hinzugefügt,
nämlich die Worte: „Als ikh kau", ohne Zweifel in der Bedeutung:
So gut als ich es vermag, ein'Ausdruck der Bescheidenheit und
zugleich des Bewusstseins seiner fleissigen, aber hinter dem Reichthum
der Natur zurückbleibenden Ausführung.
Das älteste Datum 1), nämlich das des Jahres 1421, befindet sich
auf einem in der Sammlung des Herzogs von Devonshire in Chats-
worth befindlichen Bilde mit der Darstellung der Weihe eines
Bischofs, wie man vermuthet des Thomas Becket. Allein die Ausfüh-
rung macht es zweifelhaft, 0b das übrigens augenscheinlich der flan-
drischen Schule angehörige Werk wirklich von Johann van Eyck her-
rührt und selbst die Inschrift, welche dessen Namen nennt, erweckt
Bedenken?) Jedenfalls würde diese Jahreszahl unter den datirten Wer-
ken unseres hleisters ganz isolirt (lastchen, da alle übrigen in die
schritt 1867 zu S. 104, welches Hotho (ebenda) dem Hubert van Eyck zuweisen
möchte, während Waagen (in derselben Zeitschrift 1868 S. 127) in Ueberein-
stimmung mit O. Mündler es für ein Werk des Johann hält, ist nach meiner Ueber-
Zeugung keinem der beiden grossen Meister, sondern einem frühen Schüler Jo-
hann's van Eyck zuzuschreiben. Es stellt hIaria mit dem Kinde in einem Rosen-
hag stehend neben einem Springbrunnen dar, eine Verbindung, welche auf Bildern
Johann's vorkommt. Die südlichen fast tropischen Bäume, welche über das Ge-
hege hinausragen, deuten auf Studien, wie sie Johann in Portugal gemacht haben
konnte und die daher auf seine Werkstätte hinweisen. Allein die Farbe, obgleich
kräftig und im Sinne der Eyck'schen Schule behandelt, ist etwas zu schwer und
besonders die Zeichnung der Madonna sowohl wie des Kindes, namentlich in den
nackten Theilen, zu roh und unbehülflich, auch in manchen feinen Details zu
abweichend von der des Meisters, als dass man das Bild ihm selbst zuschreiben
könnte; es wird einem Schüler angehören. Die anderen Bilder, welche in Gale-
rien den Namen Huberfs führen, haben keinen Anspruch" auf denselben.
1) Dass das Christusbild mit dem Datum 1420 (oder 1440?) eine Copie des
Berliner Bildes von 1438 und die Inschrift unächt ist, wird von Niemand bezweifelt.
Meine niederl. Briefe S. 342. Wcale: Catalogue du Musee de l'Acad. de Bruges p. 18.
2) Ueber das Bild, das ich selbst nicht kenne, haben wvir nur die Urtheile von
Passavant, Waagen, Crowe und Cavalcaselle und deutsche Bearbeitung der 2. eng-
lischen Originalausgabe, p. 87. Die Letzteren (Anciens peintres I. p. 110) finden
die Zeichnung so abweichend von der Weise unseres Meisters, dass sie sich nicht
entschliessen können, es unter die zuverlässigen Werke desselben zu setzen.