Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172540
lebendigen Wassers. 
Der Brunnen des 
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klänge an jenes grössere Werk erkennen lässt. Auch in Gent bildet 
ein achteckiges Becken die Mitte, das durch die Umschrift als der 
Brunnen lebendigen Wassers bezeichnet ist, der von dem Sitze des 
Gotteslammes ausgehe. (Hic est fons acquae vitae procedens de sede 
Dei agni.) Auf der Madrider Tafel tragt zwar nicht das Becken, 
wohl aber ein von einem der singenden Engel gehaltenes (also den 
Text des Gesanges, den Gegenstand der Feier angebendes) Spruch- 
band die verwandten, hier aber aus dem Hohenliede(O. 4 v.15) genom- 
menen Worte: Fons ortorum, puteus aquarum vivencium (der Brunnen 
der Garten, der Born lebendigen Wassers). Die Anordnung des Bil- 
des lehnt sich dann aber nicht weiter an die salomonische Dichtung 
an, sondern an die Apokalypse Cap. 22, v. 1: „Und er zeigte mir 
einen lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Krystall, 
der ging von dem Stuhle Gottes und des Lammes." In der Apoka- 
lypse ist dies lebendige Wasser die Quelle ewiger Freuden im himm- 
lischen Jerusalem; hier ist, wie ausdrücklich gesagt wird, kein Ver- 
banntes mehr, auf beiden Seiten des Stromes stehet Holz des Lebens, 
das zivölferlei Früchte tragt. Und so ähnlich verhält es sich in den 
anderen biblischen Stellen, das Wasser ist überall nur als erquickend, 
belebend geschildert (Hesekiel c. 47, v. 12, Sacharja c. 14 v. 8). Auf 
unserem Bilde ist es dagegen ein Strom des Gerichts, neben dem wir 
nur aufder einen Seite die Begnadigten, auf der andern aber das 
Judenthum sehen, das sich von dem Genusse des Wassers abwcndet 
und (ladurch der Verdammniss verfällt. Man sieht, der Maler schliesst 
sich nicht, wie man es im Mittelalter gewohnt war, dem Wortlaute 
einer bestimmten Stelle an, sondern sucht in freier Poesie den Ge- 
danken des lebendigen Wassers zu versinnlichen und wählt dazu" das 
energische Mittel des Gegensatzes, indem er zeigt, dass das Ablehnen 
der Gnade zum Tode führt. Er erwog, dass das lebendige Wasser 
zugleich das Blut des Lammes ist und erinnerte sich der so oft ange- 
wendeten Symbolik auf Bildern der Kreuzigung, wo die Kirche das 
Blut des Herrn auffängt, die Synagoge aber verzweifelt. Auch im 
Genter Altarwerk ist die Verherrlichung des lebendigen Wassers der 
Gegenstand; die Umschrift des Beckens bezieht sich augenscheinlich 
auf die Stelle der Apokalypse, welche die Anordnung auf dem Bilde 
von Madrid bestimmt hat. Aber der Meister bewegt sich hier freier; 
statt den Stuhl Gottes und des Lammes, wie es der Wortlaut sagt, 
in Eins zu fassen, was dann zu dem einfachen architektonischen Ge- 
rüste führte, hat er sie getrennt und so sich die lilöglichkcit weiterer 
landschaftlicher Umgebungen verschafft, in welchen dann die welt- 
besiegende Macht des Lammes und die weltbeseligentle Kraft des
        

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