Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172429
Der 
Genter Altar. 
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kalyptische Vision ist in die Sprache der Natur übersetzt. Der Künst- 
ler hat in dieser die Spuren eines ähnlichen Geheimnisses entdeckt. 
Wie die Völker nach dem Stuhle des Lammes hinziehen, geht durch 
die Natur ein Zug zu ihrer Quelle, zu Gott. Die irdische Farbe ist 
nur das gebrochene Licht des göttlichen Strahles, strebt nach ihrer 
Einheit zurück, saugt begierig immer mehr des Lichtes ein, sucht es 
auf seinem dunklen Grunde zu spiegeln. Diese Ahnung liegt nicht 
nur der ganzen Composition zu Grunde, sie findet ihren besondern 
Ausdruck in dem Brunnen des Lebens, der mit seinem leuchtenden 
Wasserspiegel in der Mitte des Vorgrundes sich auch als die Con- 
centration des farbigen Lichtes der irdischen Welt zu erkennen giebt 
und zugleich mit seiner Wassersäule die senkrechte Linie betont, 
welche durch den Altar des Lammes und die Taube des heiligen Geistes 
zu Gott dem Vater im Lichte emporftihrt. Der Künstler ahnt das- 
selbe Mysterium, wie Raymund von Sabunde und spricht es in seiner 
wertlosen Sprache viel kräftiger und ergreifender aus, als jener in 
seinen scholastisch befangenen Gedanken. 
Auf der Aussenseite der geschlossenen Flügel nimmt das Natur- 
gefühl nicht diesen hohen Flug, sondern aussert sich mehr als Freude 
am Einzelnen und Treue der Auffassung. In der ersten Gestalt finden 
wir es auf der Verkündigung und in dem Gemache der Jungfrau, wo 
ungeachtet der weiträumigen Auffassung und der absichtlich schwach 
gehaltenen Farbe die durchscheinende Wasserfiasche, die Lampe und 
die Kanne mit dem Metallglanz, die Bücher mit dem Lesezeichen im 
Goldschnitt nicht fehlen. In der zweiten aber erscheint es an den 
Bildnissen der beiden Stifter. Sie waren an sich nicht gerade sehr 
anziehende Erscheinungen, der alte Jodocus Vydts mit dem kahlen 
Haupte, den schwammigen Wangen, der bleichen schweren Lippe, den 
kleinen, von der matten Wimper halbbedeckten Augen, seine Gattin 
Lisbette, aus dem Patriciergeschlechte der BLITIIILITfZWEtI" etwas weniger 
bejahrt, aber doch eine Matrone von sehr gewöhnlichen, ziemlich aus- 
druckslosen, eher harten Zügen, und der Maler hat beide keineswegs 
verschönert; keine Falte in der Greisenhand, nicht einmal die Warz- 
chen im Gesichte des alten Herrn hat er uns geschenkt. Aber gerade 
durch diese Naturtreue haben sie einen Reiz, man rechnet diese unge- 
Schininkte Wahrheit den dargestellten Personen als schlichte Sinnes- 
art und 'l'reuherzigkeit zu, um derentwillen man sie liebgewinnt. Es 
sind Porträts im besten Sinne des Wortes, wie bisher noch keine 
gemalt waren. 
Ueber die Entstehung des Bildes giebt eine Inschrift Auskunft, 
welche lange Zeit, vielleicht dreihundert Jahre, durch einen dicken 
Schnaasefs Kunstgesch. VIII.  9
        

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